Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

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Weihnachten-Dezember 2016

Heute würde er auch nichts anderes machen, als an anderen Abenden.

Er füllte das alte Römerglas mit dem leichten Rotwein, den er jeden Abend trank und richtete sich zwei Brote, eines mit dem saftigen Bauernschinken, das andere mit Bergkäse. Dann schaltete er das Licht in der Küche aus, den Weg in die Stube fand er auch im Dunkeln. Außerdem gab der Weihnachtsbaum, der vor dem Fenster der Stube stand, ein wenig Licht.

„Was soll ich denn mit einem Weihnachtsbaum vorm Haus?“, hatte er seine Zugehfrau angeherrscht.

„Anschauen“, hatte die Gretl geantwortet und war gegangen.

Radio oder Fernsehen einzuschalten kam heute nicht in Frage, aus jedem Sender würde Weihnachtsmusik dudeln und ihn daran erinnern, dass Heiliger Abend war.

Früher, ja früher, da hatte er dieses Fest gemocht, sehr sogar. Aber mit jedem geliebten Menschen, den er verloren hat, ist ihm diese Freude mehr und mehr vergangen.

Erst seine Tochter Alma, vier Jahre später der Schwiegersohn, der ihm ein Freund geworden war, und dann seine Else.

Letzte Weihnachten war sie schon krank gewesen, sehr krank. Aber sie hatte den Krebs ignoriert und war nicht davon abzuhalten gewesen auch noch Flori und seine ganze dämliche Familie einzuladen. Natürlich hatte er sich gefreut, seinen Enkel bei sich zu haben, aber wer brauchte schon die anderen drei? Florians Erzeuger, Theo Faber, er nannte ihn immer nur den Lackaffen, Britta, sein beklopftes Weib und deren verzogene kleine Göre. Aber Else hatte darauf bestanden.

Kaum war der Besuch nach Wien zurückgekehrt ging es ihr schlechter und schlechter und Ende Januar war sie am Ende ihrer Kräfte und starb.

Sie könnte noch leben, wenn sie sich geschont hätte! Aber nein, sie musste ja den Lackaffen und seine ganze Sippschaft noch bekochen. Na gut, sicher war das nicht – aber keiner konnte ihm vom Gegenteil überzeugen

Wie er diesen Lackaffen hasste! Warum hatte seine Tochter aber auch diesen blöden Brief geschrieben – und warum hatte er ihn dem Lackaffen gegeben?

Warum in drei Teufels Namen war seine Tochter, seine vernünftige Alma, auf diesen Windhund herein gefallen, wo sie doch damals schon mit Stefan verlobt gewesen war? Also, das hatte er doch kilometerweit gegen den Wind gerochen, dass der nichts für sie war! Ein Banker, noch dazu aus Wien, immer geschniegelt und gestriegelt. Der hätte nie im Leben hier her gepasst – und was hätte seine Alma denn in Wien machen sollen? Etwa degenerierte Hauskatzen behandeln oder die Schosshündchen, denen ihre vertrottelten Frauchen im Winter Pelzmäntelchen anzogen.

Eine Tierärztin gehörte auf’s Land, da wurde sie gebraucht. Zumindest so eine wie Alma. Seine Tochter hatte viel von Tieren verstanden. Mehr noch, sie hatte die Tiere verstanden. Kunststück, sie war mit ihnen aufgewachsen. Schon in der Volksschule war es ihr Wunsch gewesen, später einmal mit ihm übers Land zu fahren und Hunde, Pferde und Katzen ebenso gesund zu machen, wie Rinder und Schweine.

Alles war bestens gewesen, bis sie beim Schifahren diesen Theo Faber kennen gelernt hatte. Gott sei Dank, war Stefan später so vernünftig gewesen, ihr diese Affäre nicht lange nachzutragen.

Er war weiter zu Alma gestanden, zu ihr und dem Kind, das nicht seines war. Aber er hatte sie das nie spüren lassen, und dem Kind schon gleich gar nicht. Ganz im Gegenteil, er war ein hervorragender Vater gewesen. Anders, als der Lackaffe, der Tag und Nacht im Büro herumhockte, ganz anders.

Der Flori wäre ja nach Stefans Unfalltod auch viel lieber bei ihnen geblieben, wäre wochentags in Innsbruck im Internat gewesen und hätte die Wochenenden hier verbringen können, bei seinen Großeltern,  bei seinen Freunden,  in seiner Heimat. Aber nein, der Lackaffe hat gesagt: „mein Sohn geht nicht ins Internat, schließlich hat er eine Familie.“

Ja, die hat er, aber hier in Sonndorf, bei seinem Großvater, da war seine Familie.

Hier war er aufgewachsen, hier gehörte er hin, verdammt noch mal!

Energisch klappte er das Buch auf, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und begann zu lesen, doch das Leben derer von Windsor interessierte ihn nicht besonders. Ein blödes Buch, hatte ja auch Britta ihm geschenkt, Floris böse Stiefmutter.

Na gut, böse war sie gerade nicht, nur verrückt! Ärztin wollte die sein, dabei schwafelte sie irgendwelchen Schwachsinn von Energetik und Energiebahnen.

Er hatte unzählige Tiere operiert, er wusste wie es da innen drin aussah, Energiebahnen hatte er jedenfalls nicht gefunden!

„Der Bub hätt’s schlechter treffen können“ hatte seine Else immer gesagt.

Noch schlechter? Die Mutter hatte er bei einem Lawinenabgang verloren, da war er gerade mal sechs gewesen. Es hatte eine Weile gedauert, bis Stefan das Leben ohne Alma wieder in den Griff bekommen hatte und ohne Else und ihn hätte er es kaum schaffen können, denn sein Beruf als Landarzt war kein Zuckerschlecken. Dennoch hatten seine Arbeit und seine Verantwortung für Florian ihm Kraft gegeben. Stefan war Arzt aus Leidenschaft gewesen – da hätte Britta, diese Urschel, sich etwas abschauen können! Keine Uhrzeit und kein Wetter waren ihm zu schlecht gewesen, wenn ein Patient ihn gebraucht hatte, solange, bis er selbst dabei zu Tode kam.

Das war eine bittere Zeit gewesen, für alle, aber immerhin hatte er, Pankratz, damals noch eine Aufgabe gehabt.

Er legte das Buch endgültig zur Seite, wanderte durch die Stube, blieb am Fenster stehen und sah auf den hell erleuchteten Weihnachtsbaum.

Achtundsiebzig Weihnachtsfeste lagen hinter ihm, und wenn er sich auch nicht mehr an jedes erinnern konnte, so war eines doch ganz sicher: alleine war er noch nie gewesen!

Immer war jemand da gewesen, für den er wichtig war, der ihn gebraucht hatte.

Heute war er für niemanden mehr wichtig, nicht einmal für Flori.

Irgendwann hatte der Junge sich scheinbar doch an das neue Leben gewöhnt, gewöhnen müssen, nachdem er anfangs gar nicht glücklich war in der neuen Umgebung und seine schulischen Leistungen stark nachgelassen hatten.

Aber der Lackaffe hatte nur gesagt: „Im Internat hätte er sich auch erst eingewöhnen müssen. So ist es jedenfalls besser.“

Besser? Für wen war es so besser? Für ihn, Pankratz, sicher nicht, aber wer scherte sich schon um einen alten Mann? Niemand scherte sich um ihn, nicht einmal sein Enkel.

Dabei hätte der Lackaffe gar nie erfahren, dass er einen Sohn hat, wenn er ihm nicht diesen blöden Brief geschickt hätte, in dem seine Tochter noch vor der Entbindung festgelegt hatte, dass erst für den Fall, dass ihr und Stefan etwas zustößt, Theo Faber von seiner Vaterschaft in Kenntnis zu setzen ist.

Und was war der Dank? Zum Dank hatte er ihm Flori weggenommen. Vielleicht hätte er doch gerichtlich um ihn kämpfen sollen. Nicht einmal eine gemeinsame Urlaubsreise gönnte er ihnen, dabei wünschte er sich nichts mehr, als noch einmal gemeinsam mit seinem Enkel das Meer zu sehen.

Er war in seinem Leben nicht viel gereist, aber das Meer hatte ihn immer fasziniert.

„Das hat noch Zeit!“, hatte der Lackaffe gesagt und dabei dieses ungemein überlegene Gesicht aufgesetzt, das er so an ihm hasste.

Er hatte aber keine Zeit mehr – und er würde nicht darum bitten. Nein, er würde auf diese blöde Reise verzichten, er würde überhaupt auf alles verzichten und seinem Leben ein Ende bereiten, hier und jetzt.

Was sollte er noch auf dieser Welt? Alle, die er liebte und denen er etwas bedeutet hatte waren … ja, wo waren sie? Im Himmel? Früher, hatte er daran geglaubt. Aber jetzt – wie konnte er an einen Gott glauben, der ihm alles genommen hatte. Irgendwo würden sie schon sein, seine Lieben, und er würde bei ihnen sein. Worauf sollte er warten? Er hatte sein Leben lang die Dinge selbst in die Hand genommen.

„Else, ich komme!“

Es war ein ganz spontaner Entschluss und er sprach ihn laut und deutlich aus, mit seiner tiefen, festen Stimme, ganz so, als ob es sich um eine alltägliche Unternehmung handelte, verließ seinen Platz am Fenster und wandte sich der Kommode zu, um sein Testament heraus zu suchen. Flori sollte sein Alleinerbe sein, das hatte er schon bald nach Elses Tod festgeschrieben.

War doch besser jetzt zu gehen, wo er noch Herr seiner Sinne war. Wer würde sich später einmal um ihn kümmern? Kein Schwein!

Außerdem war er Niemanden Rechenschaft schuldig, außer vielleicht dem Herrgott, so es ihn denn gab. Aber der sollte ihm nur ja keine Vorhaltungen machen, schließlich war er an seiner Situation nicht ganz unschuldig! Er hätte ihm doch nicht alles nehmen müssen, er hätte ihm doch wenigstens seinen Enkel lassen können!

Das war doch nicht zuviel verlangt, Himmel, Arsch und Zwirn!

Er ging ins Bad um nach Elses Schlaftabletten zu suchen. Er hatte so etwas nie gebraucht, aber heute, heute sollte dieses Teufelszeug auch ihm helfen, einmal, nur ein einziges Mal in seinem Leben, dann würde er keine Hilfe mehr nötig haben. Der Gedanke machte ihn fast melancholisch, dennoch meldete er sich mit fester Stimme als das Telefon läutete, konnte ja sein, dass vielleicht war ein Tier krank und sein Nachfolger, dieser Haderlump, wieder einmal nicht erreichbar war.

„Sommerer.“

„Hallo Opa! Frohe Weihnachten!“

„Flori!“, entfuhr es ihm erfreut und er setzte etwas rauer hinzu: „fällt dir auch wieder einmal ein, dass du einen Großvater hast?“

„Das ist ungerecht! Ich hab’ dir schon einen ganzen Haufen SMS geschrieben, aber du meldest dich ja nicht!“

„Ach so“, murmelte der Alte fest kleinlaut, „deshalb piepst das depperte Handy andauernd wie blöd.“

„Bingo! Und, was machst du, so ganz allein am Weihnachtsabend?“

„Was ich halt sonst auch mach’.“

„Tut’s dir nicht doch leid, dass du nicht gekommen bist?“

„Na, bestimmt net, sind’s wieder alle da, die Hochg’stochenen?“

„Wenn du die Großoldies meinst, die sind da.“

Großoldies nannte er die Eltern vom Lackaffen. Der Herr Konsul und seine Gemahlin, die waren vielleicht deppert, dagegen war der Lackaffe direkt noch annehmbar.

„Morgen gehen wir noch alle essen, aber übermorgen fahren wir ganz zeitig weg. Daddy hat’s versprochen. Dann sind wir zu Mittag schon bei dir!“

„Soll das heißen, ihr kommt’s? Die ganze Sippe?“

„Nur Daddy, Britta, Susi und ich“

„Des genügt grad.“

Flori lachte, denn im Gegensatz zu Susi hatte er sich von seinem brummigen Opa noch nie einschüchtern lassen.

„Und wir bleiben bis nach Silvester.“

„Na, da hab’ i a Freud!“, sagte der Alte in einem Ton, der wenig Freude verhieß.

„Ach Opa, sei nicht so brummig. Britta hat doch gesagt, wenn du Weihnachten nicht zu uns kommst, dann kommen wir eben zu dir. Ich bin schon gespannt, was du mir schenken wirst!“

Das allerdings hätte der Alte auch gern gewusst. Im Hintergrund hörte er die Stimme des Lackaffen, wahrscheinlich tadelte er den Jungen, weil er so lange mit ihm telefonierte.

„Ja, dann machen wir jetzt besser Schluss, damit sich dein Vater nicht aufregt.“

„Daddy wollte nur wissen, ob du einen anständigen Rotwein hast, aber wart, ich geb’ ihn dir.“

„Hallo Pankratz“

Pankratz’ nannte ihn der Lackaffe also. Das hatte er nun davon, weil er ihm im Sommer, nach einem heftigen Streitgespräch und mehreren Gläsern Wein das Du angeboten hatte.

„Griaß di“, entgegnete Pankratz betont brummig.

„Hast du einen trinkbaren Rotwein daheim, oder soll ich lieber einen mitbringen?“

„Kann nicht schaden, wenn’st an mitbringst!“

„Gut, dann packen wir ein paar Flaschen ein. Willst du den Florian noch einmal sprechen?“

„Na, na, ihr kommt’s ja eh bald! Pfiat euch!“

Die kamen also wirklich. Es stimmt schon, die Britta hatte so etwas gesagt, aber wer glaubte schon einer Verrückten?

Er legte die Schlaftabletten in den Schrank zurück, schenkte sich stattdessen noch ein Glas von seinem Rotwein ein. Durchaus trinkbar, aber wenn er ihm zu minder war, sollte er ruhig seinen eignen mitbringen.

Jetzt musste er einmal schauen, dass er für Übermorgen noch eine Gans auftrieb, sollten die aufgeblasenen Fabers nicht sagen, dass er nicht wisse, was sich zu Weihnachten gehört. Der Brunnerwirt würde ihm schon eine verkaufen, am besten gleich gebraten.

Und ein paar Geschenke brauchte er auch. Sicher würden die wieder Geschenke anschleppen. Gierig waren sie schließlich nicht, das musste man ihnen schon lassen. Ob sich der Flori über eine seiner Uhren freuen würde? Dem Lackaffen konnte er eine Flasche Obstbrand einpacken, einen Selbstgebrannten vom Schmiedl, so etwas konnte der in Wien auch für sein Geld nicht kaufen. Aber was sollte er der Verrückten geben? Und für die Kleine sollte er schon auch etwas haben, schließlich kann sie ja nichts für ihre Dämlichkeit, ist halt ein Stadtkind.

Als es am Stephanietag dunkel wurde, die Gans gegessen und der mitgebrachte Rotwein entkorkt war, zündete der Alte die Christbaumkerzen an.

Einen Christbaum hatte er auch noch organisiert. Genau genommen, hatte die kleine Tanne, im hinteren Teil des Gartens daran glauben müssen.

Die Verrückte stimmte Stille Nacht an, singen konnte sie ja und Susi, die kleine Göre, dudelte auf ihrer Flöte dazu.

Florian beäugte die ihm zugedachte Uhr etwas argwöhnisch, der Lackaffe und die kleine Göre bedankten sich höflich für den Schnaps und die Puppe, die immer auf Elses Bettdecke gesessen hatte. Und die Verrückte hatte doch tatsächlich Tränen in den Augen, nur weil er ihr ein paar von Elses Ohrringen eingepackt hatte.

Er selbst packte erst eine Zeichnung aus, die  Susi für ihn gemacht hatte, dann eine Schallplatte von Florian, weil er sich immer noch weigerte einen CD Player anzuschaffen, zuletzt gaben ihm die Fabers ein Kuvert.

Sieh an, dachte er, voriges Jahr hatten sie ein paar Packerl mehr im Gepäck.

Doch nachdem er das Kuvert geöffnet und den Inhalt studiert hatte, hatten auch seine Augen einen seltsamen Glanz.

Da hatte der Lackaffe ihm doch tatsächlich eine Reise nach Griechenland geschenkt, gemeinsam mit Flori. Am Palmsonntag sollte es losgehen.

Er trat ans Fenster und betrachtete den beleuchteten Weihnachtsbaum.

‚Tja Else, das tut mir jetzt leid, du wirst noch ein bissel auf mich warten müssen, aber das siehst du doch ein – und irgendwann wird der Herrgott mich dann schon zu dir schicken!’