Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

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Ostern – April 2017

Prequel zu „Neubeginn im Rosenschlösschen“

Mutter und Tochter oder Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

1978

„Komm gesund wieder“, hatten meine Eltern gesagt, als ich vor ziemlich genau einem Jahr nach Paris geflogen war, um als Au pair zu arbeiten. Soeben war ich wieder gelandet. Gesund war ich – und schwanger.

Nervös sah ich mich in der Ankunftshalle um. Bisher wussten meine Eltern nur, dass ich den Sohn meiner Gastfamilie mitbringen würde. Das hatten sie ganz gut aufgenommen. Wie sie die Sache allerdings sehen würden, wenn sie erst wussten, dass ich schwanger und Pierre der Vater meines Kindes war, stand auf einem anderen Blatt. Dass seine Eltern ihn im Falle unserer Heirat enterben würden, mussten wir ihnen ja nicht sofort erzählen. Allerdings würden sie sich schon wundern, warum ausgerechnet der älteste Sprössling der Familie Bonnier arm war wie eine Kirchenmaus.

Schon sah ich meine Mutter winken. Sogar Vater war mitgekommen. Echt süß. Dabei wusste ich nur zu gut, wie ungern er seine Gärtnerei verließ. Hoffentlich legte sich die Willkommensfreude nicht allzu rasch. Ich versuchte Optimismus auszustrahlen und lächelte Pierre zu. Dann schnappten wir unsere Koffer und kämpften uns durch die übervolle Ankunftshalle.

Pierre war nicht nur der älteste Spross einer stinkreichen Pariser Familie, er sah auch blendend aus und war sehr charmant – zumindest auf meine Mutter sollte das einen gewissen Eindruck machen. Die Begrüßung und das erste Kennenlernen verliefen vielversprechend, doch als wir später beim Abendessen saßen, fragte mein Vater Pierre: „Und was machen Sie so?“ Er hatte die Frage langsam und überdeutlich ausgesprochen. Pierre sah mich dennoch fragend an.

„Mein Vater möchte wissen, was du studierst“, übersetzte ich. Pierre verstand ein wenig Deutsch, antwortet aber auf Französisch: „J’étudie la gestion de l‘etreprise.“

„Er studiert Betriebswirtschaft“, dolmetschte ich stolz.

„In Paris?“, fragte meine Mutter. Sie hatte vermutlich nur gefragt, um auch irgendetwas zu sagen. Dennoch hielt ich die Luft an.

„Non, ici“, antwortete Pierre mit einem scheuen Lächeln.

Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen, jetzt hieß es Farbe bekennen. Ich schluckte. „Pierre wird bei mir bleiben. Bei mir und dem Kind, das ich – vermutlich im Jänner – bekommen werde.“ Jetzt war die Katze aus dem Sack.

Mein Vater verschluckte sich, seine Schwester Anna schlug ihm hilfreich auf den Rücken und meine Mutter fragte sicherheitshalber noch einmal: „Du bist schwanger?“

Ich nickte. Vater trank einen großen Schluck Bier, dann sagte er: „Sauber!“, und verließ den Abendbrottisch. Besser so. Meine Mutter war ziemlich blass geworden, sagte aber nichts. Nur Tante Anna fragte pragmatisch: „Junge oder Mädchen?“

Etwas später trafen wir meinen Vater vor dem Haus wieder. Er wies auf Pierre. „Dann bleibt uns der also erhalten?“

Ich nickte.

„Von mir aus, aber g’heirat wird, dass des kloar is!“

„Was hat er gesagt?“, fragte Pierre.

„Du kannst bleiben, aber wir müssen heiraten.“

„Avec plaisir“, meinte Pierre nur lächelnd und gab mir einen Kuss. Mein Vater suchte das Weite.

 

1979

Etwa ein Jahr später wurde geheiratet – und weil wir schon alle beisammen waren, sollte gleich auch noch unsere Tochter Claudia getauft werden. Es war ein heißer Tag Ende Juni, zum Glück war es in unserer kleinen Dorfkirche angenehm kühl.

„Ist das die ganze Verwandtschaft?“, hatte unser Pfarrer vor der Kirche scheinheilig gefragt.

„Jo, scho“, antwortete mein Vater und Pierre setzte mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu: „Meine Eltern sind leider … äh … behindert.“

„Verhindert“, korrigierte meine Freundin Doris, die angehende Germanistin.

„Ma schoad“, meinte der Pfarrer, „dabei is sie so a hübsches Maderl.“ Es blieb unklar, ob er damit mich oder unsere Tochter gemeint hatte, denn schon hörten wir die Orgel spielen. Wir nahmen unsere Plätze im Festzug ein und die kleine Hochzeitsgesellschaft zog zu den Klängen des Hochzeitsmarsches in die vollbesetzte Kirche ein.

Pierre und Doris, die die Rolle der Mutter des Bräutigams übernommen hatte, schritten voran. Es folgten meine Eltern, meine Großeltern, Tante Anna mit unserer Tochter Claudia, weitere Verwandte und zum Schluss mein Vater und ich.

Das Jahr war rasch, aber nicht ganz konfliktfrei vergangen.

Pierre hatte in der Zwischenzeit ganz gut Deutsch gelernt, manchmal verstand er sogar meinen Vater, der sich nur selten Mühe gab, so klar und deutlich mit Pierre zu sprechen wie meine Mutter und Tante Anna es taten. Ich war noch immer sehr verliebt und vermutlich schon deshalb sehr stolz auf Pierre. Mein Vater hingegen war der Meinung, Deutsch zu lernen sei allerdings so ziemlich das Einzige, was Pierre gemacht hatte. Diesen Satz wiederholte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Ich war nicht sicher, ob Pierre ihn immer verstand und fand ja, dass mein Liebster, der es gewohnt gewesen war, von Personal umgeben zu sein, sich wirklich gut in die Situation eingefunden hatte. Ich hatte ja erlebt, wie es bei den Bonniers zuging und war daher schon stolz, wenn er seinen Teller zur Spüle trug. Immerhin konnte er im kommenden Herbst sein Studium wieder aufnehmen – das war das Wichtigste.

Ich war in der Gärtnerei meiner Eltern auch keine große Hilfe, immerhin half ich – wenn ich nicht gerade mit Claudia beschäftigt war – in der Küche oder im Laden aus. Im Laden wurde Pierre auch gern gesehen, zumindest von den anwesenden Damen.

Auf Dauer war das keine Lösung, das wussten wir alle, auch wenn es keiner aussprach. Dennoch bat ich Doris vor ihrer Rückreise nach Wien, sich wegen einer kleinen Wohnung umzusehen. Einen Job brauchte ich wohl auch, schließlich sollte Pierre so rasch wie möglich sein Studium beenden können.

 

1980

Es dauerte noch ein Jahr, dann war unser Umzug nach Wien beschlossene Sache.

Mein Vater lud all unser Zeug in seinen Kastenwagen, wir folgten mit meinem VW-Käfer. Ich freute mich auf Wien, war aber auch ein wenig nervös. Unsere erste gemeinsame Wohnung, unser gemeinsames Leben, ganz ohne Mama, Papa und Tante Anna.

„Wir schaffen das“, sagte ich zu meiner Mutter.

„Ja, sicher“, antwortete sie und hatte schon wieder Tränen in den Augen. Warum sie weinte, konnte ich nicht sagen. Mein Vater schüttelte nur den Kopf und meinte: „Sie ziehen ja nur nach Wien, nicht auf den Nordpol.“

Dann fuhren wir los.

Über Doris‘ Vermittlung hatten wir schon vor einigen Wochen eine möblierte Wohnung gemietet, für die meine Eltern eine ordentliche Ablöse bezahlt hatten.

„Des is‘ es mir wert“, hatte mein Vater dabei gebrummt.

Ablösezahlungen für Mietwohnungen waren damals durchaus üblich, dafür war die Miete nun gering. Das Beste aber war, dass ich durch die Anmietung der Wohnung nun auch einen Job hatte.

Das kam so: Der Makler war zum Besichtigungstermin zu spät gekommen und hatte sich wortreich dafür entschuldigt. Ein Mitarbeiter sei ihm ausgefallen und es sei verdammt schwer, seriöse Mitarbeiter zu finden.

Ich hatte meine Chance sofort erkannt und gerufen: „Ich suche gerade einen Job! Ich habe Matura, einen Führerschein und spreche Englisch und Französisch.“

„Haben Sie denn auch ein Auto zur Verfügung?“

Ich sah meinen Vater fragend an.

„Kann sie denn nicht mit der Straßenbahn fahren?“, fragte der.

„Ohne eigenes Auto ist der Job leider nicht zu machen“, meinte der Makler bedauernd.

Der gute Mann kannte weder meinen Vater noch mich. Schon am nächsten Tag unterschrieb ich nicht nur unseren Mietvertrag, sondern auch gleich meinen Arbeitsvertrag – und kam mir dabei sehr erwachsen vor. Wenige Tage später war ich stolze Besitzerin eines roten VW-Käfers.

Als wir uns am Tag des Umzugs der Stadteinfahrt Wiens näherten, hatte ich allerdings gewisse Zweifel, wie wir es ganz ohne Hilfe schaffen würden – aber das wollte ich nicht einmal Pierre gestehen.

 

1981

Ganz so erwachsen wie wir uns fühlten, verhielten wir uns dann vermutlich doch nicht.

Das erste Streitthema war unsere Tochter Claudia. Ich hielt Ausschau nach einem Platz in einer Kinderkrippe, während Pierre der Meinung war, das käme für seine Prinzessin nicht infrage, wir sollten eine Gouvernante engagieren oder zumindest ein Au-Pair-Mädchen. Dass wir uns beides nicht leisten konnten, schien ihn nicht zu stören.

Doch an dieser Stelle hatten wir noch Glück. Nur wenige Tage nach unserem Einzug lernten wir unsere Nachbarin kennen. Eine nette ältere Dame, ihr Mann war vor wenigen Monaten verstorben, ihre Tochter lebte mit Mann und Kindern in Tirol. Sie war ganz verliebt in Claudia, und nachdem sie einige Male mit ihr spazierengegangen war, machte sie uns das Angebot, sich um Claudia zu kümmern, solange Pierre auf der Uni war. Außerdem besorgte sie uns Pierres ersten Nachhilfeschüler, ihren Neffen Fredy, der – wie schön für uns – ausgerechnet mit Französisch Probleme hatte.

Danach gingen die ersten Monate erstaunlich gut über die Bühne, doch kaum ging Pierre wieder zur Uni, hätte er gern auch sein gewohntes Studentenleben wieder aufgenommen, aber das war mit einem Kleinkind nicht möglich. Es war nicht so, dass Pierre das nicht eingesehen hätte, und eine Zeitlang hatte ich auch gar nicht mitbekommen, wie er sich, Schritt für Schritt, jene Freiräume schaffte, die er für angemessen hielt. Es war auch schwer zu durchschauen, wann er diese Vorlesung und jenes Seminar hatte, dazwischen gab er Nachhilfestunden, der Einfachheit halber in der Mensa oder in einem Café. Außerdem hatte Oma Inge, wie wir unsere Nachbarin in der Zwischenzeit alle nannten, nie ein Wort gesagt, wenn er länger als vereinbart ausgeblieben war.

Nachträglich hatte ich den Eindruck, dass ich damals Tag und Nacht gearbeitet hatte – ich war ziemlich erfolgreich und es machte mir Spaß, meine kleine Familie so gut über die Runden zu bringen. Dementsprechend wenig Zeit blieb allerdings für Pierre. Ob er sich schon damals anderweitig umgesehen hat, weiß ich nicht, es war mir zumindest nicht aufgefallen.

 

1983 – 1988

Wenn Pierre sich auch immer öfter über die Enge unserer Wohnung beklagte und hin und wieder über die Strenge schlug, hatte sich unser Leben doch ganz gut eingespielt, und schon im Herbst 1983 beendete Pierre sein Studium. Er bekam sofort eine Stelle als Produktmanager in einem französischen Konzernunternehmen.

Im November platzte die Bombe, als Pierre mich fragte, ob wir Weihnachten diesmal bei seinen Eltern in Paris verbringen wollten. Wir seien alle drei herzlich eingeladen. Ich war wie vom Donner gerührt. Jetzt erst erfuhr ich, dass er schon seit einiger Zeit wieder Kontakt zu ihnen hatte und auch seine Anstellung den Beziehungen seines Vaters verdankte.

Anstatt mich über den Sinneswandel seiner Eltern zu freuen, fühlte ich mich verkauft und verraten. Hatten sie ihn meinetwegen nicht enterbt?

„Nicht wirklich“, meinte Pierre. Sie hätten es nur angekündigt.

„Aber sie haben dich deinem Schicksal überlassen, dich ohne einen Franc gehen lassen“, wandte ich ein.

Pierre sah das anders. „Wäre ich wirklich in Not gewesen, hätten sie mir bestimmt Geld geschickt.“

Ich blieb unversöhnlich und wir verbrachten Weihnachten bei meinen Eltern. Pierre hatte sich in diesen Tagen rührend um Claudia gekümmert, nett mit meiner Mutter und Tante Anna unterhalten und getan, als wäre ich Luft.

Doris, meine Mutter, Tante Anna und Oma Inge waren der Meinung, ich sollte meine Haltung seinen Eltern gegenüber ändern. Doch je mehr sie auf mich einredeten, umso sturer wurde ich.

Schon im darauffolgenden Jahr verbrachten Pierre und Claudia Weihnachten in Paris, ich fuhr zu meinen Eltern nach Kaiserstein. Es war furchtbar.

Als sie zurückkamen, war Claudia ganz begeistert. Pierres Eltern hatten sie wohl sehr liebevoll aufgenommen, und sie bestürmte mich, beim nächsten Mal mitzukommen.

Um es kurz zu machen, ich blieb stur. Heute weiß ich, wie dumm das gewesen war. Pierre verbrachte fortan jedes Jahr eine oder zwei Ferienwochen und jedes zweite Weihnachtsfest. mit Claudia in Paris. Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen, er hat mich bis zum Schluss gefragt, ob ich nicht mitkommen wollte. Ich konnte es nicht.

Als Claudia zehn wurde, kehrte er in den Schoß der Familie zurück und übernahm bald die Geschäftsleitung des elterlichen Betriebes.

 

Die Jahre danach

Ich war mit Claudia in Wien geblieben – das hatten mir sowohl Pierre als auch Claudia lange Jahre verübelt. Pierre hatte sich bald mit einer neuen Frau getröstet, und Claudia verbrachte ihre Sommerferien und jedes zweite Weihnachtsfest bei den beiden. Ich weiß nicht, was mich mehr verletzt hat.

Bis zur Matura blieb sie noch in Wien, zum Studium ging sie nach Paris. Natürlich kam sie immer wieder einmal nach Wien und auch ich besuchte sie mehrfach, doch unser Verhältnis blieb angespannt.

Der Konflikt eskalierte, als sie Jean-Marc heiraten wollte. Ich hatte mich im Vorfeld nicht allzu begeistert von dem jungen Mann gezeigt, er erinnerte mich allzu sehr an Pierre – das konnte doch nicht gutgehen. Als Claudia in einem heftigen Wortwechsel dann sagte: „Wenn du es so siehst, ist es besser, du kommst erst gar nicht zu unserer Hochzeit“, war der Bruch besiegelt.

Claudia war eben kein bisschen weniger stur als ich – oder wie Tante Anna sagte: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“