Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

Brigitte Teufl-Heimhilcher header image 1

Humor und Hausverstand erwünscht


 Brigitte Teufl-Heimhilcher

Anstelle eines Prologs

Inserat im Samstag Kurier vom 15. Mai 2013

Wiener Immobilienverwaltung sucht BetriebswirtIn zur Unterstützung der Geschäftsleitung. Einsatz- und Kommunikationsbereitschaft vorausgesetzt, Humor und Hausverstand erwünscht. Bewerbungsschreiben richten sie bitte unter „HV-MH-1“  an den Verlag.

Bewerbungsschreiben vom 16. Mai 2013

Betrifft: Bewerbung

Sehr geehrte Damen und Herren,

bezugnehmend auf Ihr Inserat im gestrigen Kurier bewerbe ich mich hiermit um die ausgeschriebene Stelle. Details entnehmen Sie bitte dem beiliegenden Lebenslauf.

Ich gelte als durchaus kommunikativ und versichere sie schon jetzt meines vollen Einsatzes. Über Humor und Hausverstand mögen sie später selbst urteilen.

Mit freundlichen Grüßen

Thessa Bachmann

1. Zeit der Veränderung

 Der Montagmorgen begann grau und regnerisch. Thessa war es egal. Sie eilte singend ins Bad, verwöhnte die verspannten Muskeln erst mit heißem Wasser, ehe sie die morgendliche Dusche mit einem kalten Guss beendete und gönnte sich dann ein gemütliches Frühstück, mit allem was dazu gehört: duftender Kaffee, frisch gepresster Orangensaft, knusprigen Brot, Butter, Käse, ein Ei und Honig. So ein Frühstück alleine, hat doch auch Vorteile, dachte sie, und aß mit gutem Appetit, während ihre Gedanken zu ihrem Sohn wanderten. Sicher schlief er noch. Obwohl, man konnte nie wissen. In den Ferien war Nicky ja deutlich aktiver, und wenn er sich bei seinem Vater im Forsthaus aufhielt erst recht. Sicher würde er jeden Moment genießen – und vor Ende August nicht freiwillig nach Wien zurückkommen. Sie war ja froh, dass die beiden sich so gut verstanden, dennoch seufzte sie. Sie hatte mit Nicky immer nur den Alltag, Wolfgang immer nur die Ferien.

Nachdem sie ihr Frühstück beendet hatte, stellte sie sich vor den Kleiderkasten und überlegt, was sie an ihrem ersten Arbeitstag anziehen sollte. Ihr zukünftiger Chef war ihr beim Vorstellungsgespräch wahnsinnig elegant erschienen, auch seine Sekretärin schien ziemlich durchgestylt, also würde ein Kostüm wohl angemessen sein. So ein Blaues für alle Fälle musste doch da noch irgendwo sein. Ob das noch passte? Sch…wanenbraten! Der Rock kniff und die Jacke ließ sich auch nur noch mit Mühe schließen. Jetzt blieb nur noch das Jägerleinene, das sie zu Ostern gekauft hatte. Wolfgang hatte es gut gefallen, aber was verstand Wolfgang schon von Mode?

Egal. Schließlich sollte sie nicht als Modell arbeiten. Hoffentlich konnte sie in ein, zwei Tagen zu ihren gewohnten Jeans zurück kehren.

So wenig, wie sie sich für Kleider interessierte, so wenig interessierte sie sich normaler Weise für ihre Frisur und ihr Make-up. Nicht, dass sie eines gehabt hätte – ihre Wimpern waren von Natur aus dicht und dunkel, die Augenbrauen ebenso, ein wenig Lippenstift am Morgen – das musste für den Tag reichen. Und Frisur – mein Gott. Das dichte brünette Haar wurde regelmäßig gewaschen und zu einem Pferdeschwanz gekämmt. Früher hatte sie es manchmal offen getragen, aber dann hatte ihre Mutter immer auf sie eingeredet, dass sie es in Form föhnen solle. Aber das war ihr meistens zu mühsam gewesen, so war es eben beim Pferdeschwanz geblieben.

Normaler Weise war sie mit sich zufrieden, doch seltsamer Weise blickte sie heute schon zum zweiten Mal in den Spiegel, während sie auf Dr. Hausner wartete. Nervös zupfte sie an ihrer Trachtenbluse herum. Komisches Teil. Vielleicht hätte sie…

„Frau Magister Bachmann …“

Ein letzter Blick in den Spiegel.

Michael Hausner kam ihr entgegen und reichte ihr die Hand.

„Kaffee?“

„Gerne.“

Er drückte den Knopf der Sprechanlage: „Frau Schaffer, zwei Tassen Kaffee bitte, danke.“

Dann fragte er nach ihrem Befinden und erkundigte sich noch einmal nach ihrer bisherigen Tätigkeit.

Natürlich stand das alles in seinen Unterlagen, aber Michael Hausner war kein Morgenmensch und während Thessa noch einmal ausführlich berichtete, welche Aufgaben sie bisher erledigt hatte, hatte er noch ein wenig Muße sie zu betrachten. Er hatte gar nicht mehr in Erinnerung, dass sie gar so bieder aussah. Dabei hat sie ein hübsches Gesicht, aber diese Trachtenbluse war einfach furchtbar. Ihre Konkurrentin war schlank und chic gewesen, aber er hatte sich für Magister Bachmann entschieden, weil er das Gefühl hatte, dass sie belastbar war und mit beiden Beinen im Leben stand. Als sie endliche eine Pause machte sagte er, nur um irgendetwas zu sagen: „Sie haben doch Betriebswirtschaft studiert. Waren sie da nicht etwas unterfordert?“

„Es war ja auch nur ein Teilzeitjob und nach dem Unfalltod meiner Eltern war ich froh, dass ich den ergattert habe. Ich  konnte damals nur noch stundenweise arbeiten und bei Herrn Goldmann konnte ich mir meine Zeit frei einteilen.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist mein Sohn elf und ich lebe von meinem Mann getrennt. Ich kann, will und muss wieder ganztags arbeiten.“

„Und ihr Gatte unterstützt sie – soweit es ihren Sohn betrifft?“

„Sie meinen finanziell?“

„Nun, das geht mich nichts an, ich meine für den Fall, dass …“

„Mein Mann lebt als Förster im Bregenzer Wald.“

Es sah in seine Unterlagen: „Dann sind Sie also Alleinerzieherin, das haben Sie bei unserem letzten Gespräch aber nicht erwähnt.“

„Seien Sie unbesorgt. Ich werde meinen Pflichten trotzdem nachkommen, auch wenn ich Alleinerzieherin bin.“

Deswegen muss sie mich ja nicht gleich ankeifen, dachte er, sagte jedoch: „Das höre ich natürlich gerne, wenngleich ich es nicht ganz so gemeint habe.“

„Sicher nicht?“

Er sah erstaunt auf. Das fing ja gut an. Doch dann antwortete er mit einem Lächeln: „Sicher nicht.“

„Das wäre auch ziemlich unlogisch. Es ist für alleinerziehende Mütter nicht gerade einfach einen adäquaten Job zu finden. Also wäre es ziemlich ungeschickt, den aufs Spiel zu setzen.“

Er nickte, sah das im Grunde genau so, war aber erstaunt, dass sie es so unumwunden aussprach.

Bevor Thessa mit ihrer Arbeit so richtig loslegen konnte, sollte sie erst die Objekte besuchen, die sie verwalten sollte:

Montag und Dienstag verliefen ereignislos. Gelegentlich wurde sie in den Häusern angesprochen. Sie notierte die Wünsche und Beschwerden und versprach, die Sache weiter zu leiten. Es waren große Zinshäuser dabei, aber auch einige kleinere Cottageobjekte, so dass sie nicht weiter verwundert war, als sie ein Haus betrat, in dem es offensichtlich nur drei Wohnungen gab. Sowohl im Erdgeschoss, als auch im ersten Stock und im ausgebauten Dachgeschoss gab es nur eine Wohnung, im Keller mussten noch Garagenplätze sein, da wollte sie auch gleich einen Blick hinein werfen.

Als sie die Schleuse zur Garage öffnete, begegnete sie einer sehr attraktiven Dame, nicht mehr ganz jung, aber sehr elegant.

„Suchen Sie jemanden?“

„Nein danke. Ich komme von der Hausverwaltung.“

„Ach ja? Ich habe sie noch nie gesehen.“

„Ich bin neu.“

„Tja, dann darf ich sie in meine Wohnung bitten, ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

„Gerne“, erwiderte Thessa und folgte ihr in den ersten Stock.

Die Dame sperrte die Wohnungstür auf, ließ sie eintreten, schloss und verriegelte dann die Türe hinter ihr und sagte plötzlich viel weniger freundlich: „Jetzt raus mit der Sprache: wer sind Sie?“

Thessa fühlte sich unbehaglich, doch sie versuchte Ruhe zu bewahren. „Mein Name ist Bachmann, Magister Bachmann, ich will das Haus kennen lernen und dabei gleich nach dem Rechten sehen.“

„Ach, das Haus wollen sie kennen lernen? Das wird sogar stimmen.“

„Was wollen sie damit andeuten?“

„Ich will damit andeuten, dass sie hier vermutlich etwas ausspionieren.“

Thessa spürte Ärger in sich hochsteigen.

„Das ist eine Unterstellung! Nehmen Sie das sofort zurück und machen sie, verdammt noch mal, die Tür auf!“

„Einen anderen Ton, wenn ich bitten darf! Ob ich ihnen etwas unterstelle wird sich erst noch herausstellen.“

Thessas Wangen glühten. Sie kramte nach ihrem Handy, das sich, wie immer, wenn sie es dringend brauchte, nicht finden ließ. „Ich werde jetzt die Polizei anrufen“, kündigte sie an, während sie immer noch in ihrer großen Tasche kramte.

„Nur keine Aufregung“, lenkte die Dame ein „Ich werde in der Hausverwaltung nachfragen.“

Sie wählte eine Kurznummer. Obwohl Thessa wusste, dass sie nichts Unrechtes getan hatte fühlte sie sich irgendwie unwohl.

„Hausner. Kann ich bitte meinen Sohn sprechen.“

Thessa fiel ein Stein vom Herzen. Zumindest keine Verrückte. Sicher würde Dr. Hausner gleich alles klar stellen. Gespannt verfolgte sie das Telefonat.

„Nicht da sagen sie, Schade. Wissen sie etwas von einer neuen Mitarbeiterin im Außendienst? … Nicht … interessant … okay, danke. Ich versuch’s auf dem Handy.“

Nach dem zweiten Versuch erreichte sie endlich ihren Sohn, der immerhin zu bestätigen schien, eine Frau Magister Bachmann eingestellt zu haben. Ihre Kerkermeisterin setzte ein noch hochmütigeres Gesicht auf.

„Und warum schickst du sie in unser Haus?“

Thessa konnte nicht hören, was Hausner antwortete, aber es schien seine Mutter nicht sonderlich zu befriedigen, denn sie antwortete säuerlich: „Jawohl, darüber sprechen wir noch.“

Dann wandte sie sich an Thessa: „Ein Irrtum, entschuldigen Sie. Sie können jetzt gehen“, und öffnete die Wohnungstür.

Thessa zischte grußlos hinaus. Eine Frechheit. Die Arroganz lag wohl in der Familie!

 

2. Sommertage

Nicky genoss seine Ferientage im Bregenzer Wald. Seine Mutter war ja ganz okay, aber bei Papa war’s einfach lässiger. Niemals verlangte der, dass er zu einer bestimmten Zeit zu Bett gehen solle, oder diesen seltsamen Spinatstrudel aß, auf den Mama in der letzten Zeit ganz versessen war. Zu Bett ging man, wenn man müde war und gegessen wurde, was gerade da war. Die Palette reichte von Dosenravioli über Knoblauchwurst bis zu Tiefkühlpizza. Auch hatte sein Vater niemals Panik, wenn er vom Fünf-Meter-Brett springen wollte und beim Radfahren musste man nicht auf ihn warten, sondern im Gegenteil ganz ordentlich in die Pedale treten um mithalten zu können.

Bei seinen Inspektionsfahrten in den Wald nahm Papa ihn öfters mit, aber wenn er im Büro zu tun hatte, setzte Nicky sich aufs Rad und flitze damit in die nächste Ortschaft. Dort hatte er schon jede Menge Freunde.

Zweimal in der Woche kam eine Frau aus dem Ort um für etwas Sauberkeit zu sorgen. Anfangs hatte sie ja noch versucht ihn

mit allerlei unnötigem Quatsch zu nerven, aber in der Zwischenzeit schien sie eingesehen zu haben, dass das nicht viel nützte und räumte das Zeug einfach weg, dass er großzügig im ganzen Haus verstreute – schließlich hatte er Ferien, da musste er sich erholen.

Er hatte zwar so eine Ahnung, dass Papa das nicht gut geheißen hätte – wenn es ihm aufgefallen wäre. Aber Gott sei Dank interessierte der sich nicht für solche Sachen. Ihm war es wichtiger, dass der Wald gut gepflegt wurde. Der Wald, sagte Papa, das sei seine große Leidenschaft.

Apropos Leidenschaft. Seit heuer gab es eine junge Forstgehilfin. Also er persönlich fand sie eigentlich gar nicht so jung, aber Papa nannte sie immer ‚unseren Frischling’.

„Na, wie geht’s unserem Frischling heute?“ sagt er beispielsweise. Oder: „möchte unser Frischling zum Abendessen bleiben?“

Das mochte der Frischling eigentlich ziemlich oft, wenn man es genau betrachtete. Ihm war es recht, dann konnte er anschließend ungestört fernsehen.

Außerdem übernahm der Frischling freiwillig Küchendienst, was auch nicht zu verachten war. Sie kochte zwar nicht so prima wie Mama, aber dafür gab’s öfter mal Pizza.

Nur neulich, die Sache mit den Fischstäbchen, da hatte sogar Papa einen tüchtigen Schluck Bier gebraucht, um das hinunter zu spülen.

„Was ist das denn?“, hatte er gefragt und prompt war ihm Papa unter dem Tisch auf die Zehen gestiegen.

„Lachs“, hatte der Frischling geantwortet.

„Lachs?“ hatte dann auch Papa verblüfft gefragt.

„Ja, diese Lachsstäbchen.“

„Du meinst Fischstäbchen. Also ich weiß nicht, bei meiner Mama schmecken die ganz anders!“

„Bei meiner auch“, hatte der Frischling zugegeben. „Vielleicht hätte ich sie nicht auf den Grill legen sollen?“

Übrigens hieß der Frischling Beate und er fand sie ganz okay. Trotzdem war es sicher besser, Mama vorerst nichts von diesem Neuzugang zu erzählen.

 

Michael Hausner hatte sich auf den Abend, den er mit seiner Freundin Ines in einem ziemlich angesagten Restaurant verbrachte, gefreut. Doch jetzt stieg Ärger in ihm hoch.

„Also ich weiß nicht“, flötete sie „Filetsteak mit Brezenauflauf und Spargelragout, das ist aber ziemlich deftig!“

„Sei unbesorgt, das einzige was hier deftig ist, sind die Preise.“

„Vielleicht sollte ich doch besser den Seeteufel mit Hummer nehmen.“

„Ganz wie du möchtest. Lass uns anstoßen. Auf dich, deine Schönheit und deine Karriere!“

Sie lächelte ihm geschmeichelt zu und nippte an ihrem Champagner, dann trat der Kellner an ihren Tisch und sie bestellte zur Vorspeise Kalbsfilet mit Flusskrebsen und als Hauptgang den Seeteufel. Doch gleich darauf änderte sie die Bestellung wieder ab: Vielleicht zu den Flusskrebsen kein Kalbsfilet, sondern nur einbisschen Salat, und zum Seeteufel lieber keine Rösti, nur ein wenig Gemüse. Welches Gemüse? Ja, das konnte sie leider auch nicht sagen. Oder doch, ein paar Ingwerkaröttchen. Oder passten Ingwerkaröttchen doch nicht so gut? Vielleicht dann ein wenig Spinat. Und dann doch ein ganz kleines Rösti, zur Feier des Tages.

Michael versuchte nicht hinzuhören. Natürlich musste sie auf ihre Figur achten. Aber sie war doch gertenschlank und als Tänzerin machte sie ohnehin jede Menge Bewegung. Schade, dass Ines weder kochen, noch gutes Essen genießen konnte. Man konnte eben nicht alles haben.

Er hingegen genoss jeden Bissen, erst die rosa gebratene Gänseleber und dann den perfekt gegarten Kalbsrücken und die köstliche Morchelsauce.

Er prostete ihr zu. Ines sandte ein verführerisches Lächeln über den Tisch, dann nahm sie einen Schluck Wein, einen ganz kleinen.