Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

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Lesepr.Liebe, Macht und rote Rosen

  1. Die Beerdigung

Als Sybille schlaftrunken die Jalousien hochzog, war es draußen dunkel und nebelig. Ihre Tochter Kerstin wollte auch nicht aus den Federn. Das konnte sie ja verstehen, aber dass sie dann auch noch das Bad stundenlang blockierte, zerrte schon ziemlich an ihren Nerven, und als sie beim Frühstück mit einem ihrer Igitt-igitt-Blicke sagte: „Wie siehst du denn heute aus?“, schien das Maß voll.
Wie immer zählte Sybille erst heimlich bis zehn, ehe sie, schon etwas weniger gereizt, antwortete: „Lass mich raten: schwarz und traurig? Genauso fühle ich mich, heute ist doch das Begräbnis von Doktor Winter.“

„Okay, aber du bist seine Kabinettschefin, nicht seine Witwe“, antwortete Kerstin gelangweilt, trank ihren Orangensaft, schnappte sich einen Apfel und ging.
„Du sollst doch …“, den Rest konnte sie sich sparen, die Tür war bereits hinter Kerstin ins Schloss gefallen.
Lustlos aß sie ein paar Löffel von ihrem Müsli, verstaute die restlichen Lebensmittel wieder im Eiskasten und betrachtete sich im Vorzimmerspiegel. Vielleicht war die schwarze Bluse zusammen mit dem schwarzen Kostüm und ihrem schwarzen Haar doch etwas zu viel. Seufzend ging sie zurück ins Schlafzimmer.
Weiß? Rosa? Ach, hier war noch diese silbergraue Schleifenbluse. Die hatte sie schon eine Ewigkeit nicht getragen, aber zusammen mit der Blutsteinkette und den dazu passenden Ohrgehängen sah sie gar nicht so übel aus. Noch ein wenig Lippenstift, dann machte sie sich auf den Weg zu ihrem Vater.
Sie konnte zwar nicht verstehen, warum er sich diese Tortur freiwillig antat, aber er behauptete, als alter Parteifreund wäre es seine Pflicht, an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Sie vermutete eher, dass er Langeweile hatte, jetzt, wo die Golfsaison endgültig vorbei zu sein schien.
Obwohl sie fünf Minuten vor der Zeit da war, stand er schon vor dem Haus. Gut sah er aus, mit seinem schwarzen Mantel und dem schlohweißen Haar.
Er bedeutete ihr einzuparken, doch sie öffnete nur das Fenster: „Komm, steig ein, mit deinem Schlitten bekommen wir doch nie einen Parkplatz.“
„Irrtum Kind, mit meinem Schlitten brauchen wir keinen Parkplatz.“
Dieser Logik konnte sie zwar nicht folgen, aber sie wollte nicht schon jetzt mit ihm diskutieren. Also sagte sie nur: „Okay, aber ich fahre.“

„Meinetwegen.“

Sie parkte seufzend ein und nahm in seinem großen, alten Mercedes Platz. Schön war er ja, mit seinen weinroten Ledersitzen und den Rosenholzeinlagen auf dem Armaturenbrett, aber verdammt unpraktisch.
Während sie den Wagen vorsichtig durch den dichten Morgenverkehr lenkte, fragte er: „Wie geht’s meiner Enkelin?“
„Im Moment vermutlich gar nicht gut, sie hat heute Literatur-Test und bestimmt zu wenig gelernt.“
„Das arme Kind, muss sich mit toten Dichtern herumschlagen, wo es doch so viel Spannenderes gibt.“
„Ich kann mich nicht erinnern, dass du mir gegenüber jemals auch nur halb so viel Bedauern ausgedrückt hättest.“
„Du warst sowieso immer eine Streberin. Deswegen hast du heute so wenig Verständnis für deine Tochter. Kerstin ist halt mehr der praktische Typ.“
Da sie sich bereits dem Friedhof näherten, enthielt sie sich einer Antwort, obwohl es sie schon längere Zeit wurmte, dass ihr Vater, wie auch ihr Exmann, immer die Verständnisvollen spielten und es ihr überließen, sich um den nervigen Alltag zu kümmern.
„Hier gleich rechts“, dirigierte er sie eben auf den Parkplatz der Ehrengäste.
„Ich weiß nicht, ich bin doch kein Ehrengast.“
„Ich schon“, antwortete er mit Würde und kletterte aus dem Auto. Der Parkwächter grüßte respektvoll und steckte eine Nummer hinter die Windschutzscheibe.

„Na bitte, geht doch“, lächelte er und reichte ihr seinen Arm.

*

Die Trauerfeier für Doktor Winter zog sich endlos dahin.
Auf dem Sarg stand ein Gesteck aus roten Rosen, davor der Kranz der Witwe, ebenfalls aus roten Rosen, flankiert von einer Vielzahl anderer Kränze mit schwarzen, roten und goldenen Schleifen.
Mein Gott, die arme Frau, dachte Sybille mit einem Blick auf die Mutter des Toten, die von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn flankiert wurde. Daneben saß die Witwe, Linda Winter. Eine schlanke Schönheit, vielleicht Anfang vierzig, mit blondem Haar. Kerzengerade saß sie da, mit breitkrempigem Hut und Sonnenbrille. Sie kannte sie von einigen Veranstaltungen, hatte aber nie mehr als ein paar Höflichkeitsfloskeln mir ihr getauscht.
Als letzter Redner trat nun der Kanzler, Elmar Reifenstein, an das Rednerpult.
„Wir alle sind zutiefst erschüttert vom Unfalltod unseres Sozialministers. Mit Richard Winter verliert nicht nur eine Frau ihren Mann, eine Mutter ihren Sohn, unser Land verliert einen überaus beliebten Politiker, einen aufrechten Demokraten – wir alle verlieren einen Freund.“
Schleimer, dachte Sybille. Die beiden hatten sich nie gemocht. Sie erinnerte sich noch allzu gut an die Auseinandersetzung, die sie erst vor wenigen Tagen gehabt hatten; von Freundschaft war da wenig zu spüren gewesen.
Nun ja, im Angesicht des Todes sah manches anders aus, dennoch nahm sie dem Kanzler seine Trauer nicht ab.
„… couragiert beteiligte er sich an kontroversen Debatten, setzte Akzente, kämpfte für seine Überzeugung und verlor dabei nie das eine große Ziel aus den Augen …“
Papperlapapp. Einen engstirnigen Technokraten hatte er ihn genannt.

Nachdem der Kanzler seine Rede beendet hatte, spielte das Orchester das Largo aus Händels Oper Xerxes, ein ihr unbekannter Kammersänger sang das Ave Maria, dann, endlich,  setzte sich der Trauerzug in Bewegung.

*

Es war schon ein Uhr vorbei, als Sybille den Festsaal des Hotels betrat, in dem ein Imbiss auf die Trauergäste wartete.
Dankbar nahm sie ein Glas Bier entgegen und bediente sich am Buffet. Am Morgen hatte ihr das bevorstehende Begräbnis den Magen zugeschnürt, doch nun war sie hungrig. Sie nahm kalten Braten, ein faschiertes Laibchen, etwas Salat und setzte noch ein gefülltes Ei obendrauf, ehe sie sich nach einem freien Platz umsah. Am anderen Ende des Saales stand ihr Vater mit dem Kanzler an einem der Stehtischchen und winkte sie zu sich. Sie zog es vor die beiden zu übersehen und nahm an einem der Tische Platz, an dem Mitarbeiter aus dem Ministerium saßen.

Winters Sekretärin, Frau Schmidt, die selbst vor einer Tasse Kaffee saß, warf einen schrägen Blick auf ihren Teller.
„Halten Sie mich nicht für gefühllos“, beantwortete Sybille die unausgesprochene Frage, „aber ich habe kaum gefrühstückt und einen Riesenhunger.“
„Das Leben geht weiter“, meinte ein Hofrat jovial, der ebenfalls vor einem vollen Teller saß und genussvoll in ein resches Kaisersemmerl biss.
„Ich kann immer noch nicht verstehen, wie das passieren konnte“, klagte Frau Schmidt. „Er war doch so ein vorsichtiger Fahrer.“
„Übervorsichtig, einfach ungeübt“, kommentierte Ludwig, Winters Chauffeur. „Ich mache mir die größten Vorwürfe, dass ich noch nicht zurück war, als er losfuhr. Dabei war ohnehin alles für die Katz gewesen.“
Ungeübt oder nicht, jedenfalls war Sybille immer noch völlig unklar, warum er auf einer schnurgeraden Landstraße gegen einen Baum gefahren war. Der Wagen hatte sich überschlagen, war über eine Böschung gestürzt, Genickbruch. Aus, Ende.

Der Amtsarzt hatte versichert, dass er sofort tot gewesen war.

Winter war vielleicht kein besonders talentierter Politiker gewesen, kein charismatischer Redner, aber er war ehrlich bemüht gewesen, die ihm übertragene Verantwortung zum Nutzen der Mehrheit einzusetzen. Mehr konnte der Mensch doch nicht machen, dachte sie, während sie den anderen mit einem Ohr zuhörte.