Klappentext Rosis Weihnachtspläne

  1. Wien, Oktober – Ziemlich verzwickte Verwandtschaftsverhältnisse

Roswitha saß an Philipps Schreibtisch und überlegte, wo, wie und mit wem sie heuer das ultimative Weihnachtsfest feiern konnten. Zwar war es erst Ende Oktober, aber in Patchworkfamilien wie der ihren bedurften derartige Feste besonders sorgfältiger Planung und wer – außer ihr – würde sich darum kümmern?

Sie freute sich darauf, diesmal endlich wieder zu Hause zu sein und selbst das Zepter in die Hand zu nehmen. Mehr noch. Nach allem, was sie ihrer Familie im letzten Jahr zugemutet hatte, war es ihre Pflicht, dieses Fest für alle zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Heuer sollte es wieder ein richtiges Weihnachtsfest werden – eines wie damals, und alle ihre Lieben sollten dabei sein.

Zugegeben, Vater und Silke – seine zweite Frau – hatten sich durchaus bemüht, aber ein richtiges Weihnachtsfest war es halt nicht gewesen, zumindest nicht für Roswitha.

Fragte sich nur, wo konnte das Fest stattfinden. Wo war ihr Zuhause?

Hier in Philipps Dachgeschosswohnung? Eher nicht, hier gab es kein Klavier, ja nicht einmal eine richtige Küche, und für größere Familienfeste war diese Wohnung sowieso nicht gedacht. Dennoch musste sie froh sein, vorübergehend eine Bleibe gefunden zu haben, denn in ihrem Haus in Essling hatte sich Sohn Felix mit seiner kleinen Familie breitgemacht und – bei aller Liebe – mit den dreien konnte sie nicht unter einem Dach leben. Dazu waren sie zu laut und zu unordentlich. Sie hatte es ja versucht, obwohl das niemals so geplant war.

Als sie im Vorjahr nach Berlin gegangen war, hatte sie Felix das Haus, das ihre Mutter ihr vererbt hatte, für ein Jahr überlassen. Gleich nach der Geburt seiner Tochter wollte er sich um ein neues Heim umsehen. So hatten sie es vereinbart. In der Zwischenzeit war Töchterchen Meli acht Monate alt und Felix hatte in Sachen Umzug keinen Finger gerührt. Übermäßiges Hudeln hatte man ihm noch nie vorwerfen können, aber dass er gar nichts unternommen hatte, fand sie dann doch erstaunlich.

Trotz allem war sie bei ihrer Rückkehr ganz selbstverständlich in ihr Haus gezogen. Sie hatte gedacht, mit ein paar Regeln würde das Zusammenleben vorübergehend schon funktionieren. Leider gehörten sowohl Nina als auch Felix zu jenen, die nichts auf Regeln gaben, es sei denn, auf ihre eigenen. Nach nur einer Woche war sie entnervt zu Philipp übersiedelt, wie der es ihr schon zuvor angeboten hatte.

Dabei war Felix immer ihr Herzbube gewesen – wenn sie das auch nie zugeben würde – und Meli, seine kleine Tochter, war wirklich zuckersüß. Blieben seine Partnerin Nina und die Unordnung, die die drei im Handumdrehen verursachten.

Hatte sie ihn nicht mehrfach darauf hingewiesen, dass sie im August wieder zurückkäme? Ja wenn es sich nur um ein paar Wochen gehandelt hätte – doch Felix machte überhaupt keine Anstalten, sich um eine neue Bleibe zu kümmern. Ob er wenigstens mit seinem Vater darüber gesprochen hatte? Wohl kaum. Ewald war Immobilienprofi und würde sicher eine geeignete Wohnung finden. Sollte sie ihn selbst fragen? Darüber würde sie bei Gelegenheit nachdenken. Erst musste sie sich um das Weihnachtsfest kümmern. Wo konnte es stattfinden und wer gehörte nun zu ihrer Familie?

Früher waren das ihre Mutter, ihre Kinder Bernhard, Felix und Tini und ihr Mann Ewald gewesen. Der Tod ihrer Mutter hatte alles durcheinandergewirbelt.

Auf der Habenseite war zu verbuchen, dass Vicky sich entschieden hatte, in Wien zu bleiben, und Roswitha nun die alleinige Eigentümerin ihres Elternhauses war.

Dieses Erbe hatte etwas in Roswitha in Gang gesetzt. Ihre Sehnsucht nach den Träumen ihrer Jugend hatte sie überfallen wie ein unerwarteter Regenguss und sie unzufrieden gemacht, ohne dass ihr das anfangs bewusst gewesen war. Nach einer Zeit voller Streitigkeiten hatte sie Ewald gestanden, dass Tini nicht seine Tochter ist, und war in das Haus ihrer Mutter gezogen.

Seither ging es in ihrer Familie drunter und drüber. Tini hatte sich geweigert, mit ihr nach Essling zu ziehen, und wohnte immer noch bei ihrem Vater, der eigentlich nur ihr Stiefvater war. Felix und Nina waren ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie bei Roswitha leben konnten und Roswitha ihnen als Babysitter zur Verfügung stünde. Wahrscheinlich hätte sie sich sogar dazu überreden lassen.

Doch dann war ihr Vater gekommen und hatte längst vergessen geglaubte Erinnerungen geweckt. Vielleicht hätte sie sein Angebot, für ein Jahr nach Berlin zu kommen, um dort ihren Klavierunterricht fortzusetzen, nicht annehmen dürfen? Nun, sie hatte es getan. Ausgerechnet sie, die bis zu diesem Tag stets die Familie in den Vordergrund gerückt hatte.

Davor war sie noch auf die absurde Idee verfallen, Ewald an ihre Zwillingsschwester Vicky zu verkuppeln.

Sie hatte sich schon als einsame Künstlerin gesehen – doch dann war er gekommen – Philipp, der Schwarm ihrer Jugendjahre, Tinis Vater. Zweimal hatte sie sich erfolglos bemüht, ihn zu vergessen. Zuletzt nach ihrer Liaison vor fünfzehn Jahren. Ausgerechnet er war mit ihr nach Berlin übersiedelt. Kein Wunder, dass bei dem ganzen Durcheinander kein Stein auf dem anderen blieb.

Wer also war jetzt ihre Familie? Sie nahm ein Notizblatt und schrieb:

Bernhard und Lena

Felix, Nina und Meli

Tini

Vater und Silke

Philipp und sein Vater

Vicky und …

Sie zögerte kurz, ehe sie Ewald hinzusetzte.

Damit wären sie am Weihnachtsabend, Meli und sie selbst mitgezählt, dreizehn Personen.

In Philipps Wohnung war das ausgeschlossen. Wo sollten die denn alle sitzen? Begeistert würde er vermutlich auch nicht sein. Er wirkte zwar aufgeschlossen und kommunikativ, aber insgeheim war er genauso ein Stubenhocker wie sie selbst. Einer, der einen gemütlichen Abend zu zweit zu schätzen wusste und gesellschaftlichen Großereignissen nach Möglichkeit aus dem Weg ging.

Na, da musste er eben durch. Familienfeste waren schließlich keine Gesellschaftsevents. Immerhin sollte es auch in seinem Sinne sein, mit Tini Weihnachten zu feiern. Schließlich war sie seine Tochter – wenn auch beide erst vor etwas mehr als einem Jahr davon erfahren hatten. Ein Geheimnis, mit dem Roswitha nie wirklich gut zurechtgekommen war. Doch das war ihr, wie manch anderes, erst im Vorjahr zu Bewusstsein gekommen.

Trotz ihrer Bemühungen hatten sich Tini und Philipp immer noch nicht angenähert.

Tini sagte, sie hätte einen Vater, nämlich Ewald, selbst wenn der nicht der Samenspender gewesen sei. Sie nannte ihren biologischen Vater doch glatt Samenspender. Wenn sie Philipp damit provozieren wollte, war ihr das bis heute nicht geglückt. Vielmehr gab er der Göre auch noch recht.

Zugegeben, an diesem Ergebnis war Roswitha nicht ganz unschuldig. Schließlich hatte sie sich jahrelang darum bemüht, alle glauben zu lassen, dass Ewald Tinis Vater sei. Allein deswegen wollte sie heuer mit allen Weihnachten feiern! Um zu zeigen – ja, was eigentlich? Ach, egal. Etwas anderes als ein gemeinsames Weihnachtsfest kam für sie nicht infrage. Kompromisse waren ohnehin nicht ihre Stärke.

Das Ganze würde jedenfalls eine Mammutaufgabe werden.

Jetzt musste sie sich erst einmal ums Abendessen kümmern, doch gleich morgen würde sie mit den Weihnachtsplanungen beginnen.