Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

Brigitte Teufl-Heimhilcher header image 1

Lesepr.Als Papst lebt man gefährlich

Keine Macht kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist.
(Victor Hugo)

1. Vatikanische Machenschaften, die Erste

„Der Heilige Vater verträgt neuerdings keine Zwiebeln“, sagte Massimo träge. Nach dem Mittagessen war er immer träge.
„Sagt wer?“
„Sagt sein Koch.“
„Willst du ihn jetzt mit Zwiebeln ins Jenseits befördern?“
Massimos Gesicht verriet Ungeduld, ehe er antwortete: „Denk doch einmal nach! Wenn er Zwiebel isst, fühlt er sich schlecht – wenn er sich schlecht fühlt, hat er weniger Energie und redet er weniger gottloses Zeug. Außerdem sind Zwiebeln in der Küche omnipräsent, man kann sie meist gar nicht erkennen.“
Sein Gegenüber nickte zustimmend. „Du meinst, es könnte unserer Sache dienlich sein, wenn er sich wieder öfter schlecht fühlt, so wie am Beginn seines Pontifikates. Damals hast du übrigens noch zu seinen Anhängern gezählt.“
„Damals hielt ich ihn auch noch für einen von uns – zudem für nicht besonders schlau und keinen dieser unseligen Weltverbesserer. Leider habe ich mich geirrt – was selten vorkommt – und dieser junge Idiot, den er zu seinem Sekretär gemacht hat, macht die Sache auch nicht besser.“
Massimos Gesicht drückte Abneigung aus. Er machte eine bedeutungsvolle Pause, dann fuhr er weiter fort: „Wie dem auch sei. Wenn es ihm bald wieder schlechter geht, muss er sich öfter von dir vertreten lassen. Dann kannst du seine unsäglichen Aussagen endlich ins rechte Licht rücken. Mit einem inaktiven Papst könnten wir unter Umständen leben, andernfalls …“, er ließ den Satz in der Luft hängen.
Sein Gegenüber nickte abermals. „An allem ist nur dieses verdammte Weib schuld. Seit sie da ist, will er plötzlich ein Konzil einberufen, zweifelt an der Notwendigkeit des Zölibates und will den Weibern auch noch Weiheämter zugänglich machen. Ich sage dir, Jesus wusste schon, warum er sich nur mit Männern umgeben hat. Frauen haben andere Aufgaben – dabei soll es auch bleiben.“
„Ob er damals, als er vom Weltjugendtag in Wien zwei Wochen später zurückgekommen ist, und wir alle gezwungen waren, für ihn zu lügen, schon bei ihr war?“
„Er sagt, er war bei seiner Schwester.“
„Natürlich – und ich bin der Osterhase.“

2. Seine Heiligkeit hat schlechte Laune
„Roberto, der Chef verlangt nach Ihnen!“
Monsignore Rinaldo warf einen letzten schwärmerischen Blick in das vor ihm liegende Motor-Journal, legte ein Lesezeichen ein, als handelte es sich um eine wertvolle Schrift, und verstaute die Zeitung in den Tiefen seines Schreibtisches. Dann wandte er sich Erika zu. „Wie ist seine Laune?“
„Nicht besonders. Vermutlich hat er wieder Verdauungsprobleme. Jedenfalls kein guter Tag, um über Veränderungen des Fuhrparks zu sprechen“, setzte sie grinsend hinzu.
„Das hatte ich auch nicht vor“, erwiderte Robert Rinaldo mit einem Zwinkern.
Auf dem Weg ins Appartamento des Heiligen Vaters dachte er darüber nach, wie erstaunlich sich der Ton im Päpstlichen Sekretariat doch verändert hat, seit vor einigen Monaten Frau Professor Wagner aufgetaucht war. Sie war auf ihn zugegangen und hatte gesagt: „Hallo, ich bin Erika.“ Erika, einfach so, dabei wusste doch jeder, dass sie in Wien einen Lehrstuhl für Exegese gehabt hatte, ehe Seine Heiligkeit sie in den Vatikan berufen hat, um einem Arbeitskreis vorzustehen, dem keine geringere Aufgabe zugeschrieben wurde als die, ein drittes vatikanisches Konzil vorzubereiten. Freilich war das so nicht gesagt worden, aber es wusste trotzdem jeder, wie dies innerhalb der Leonischen Mauern öfter der Fall war.
Roberto hatte schon für den Heiligen Vater gearbeitet, als der noch Präfekt des Päpstlichen Haushalts war, und kannte ihn gut genug, um auf den ersten Blick zu sehen, dass es heute besser wäre, nur die allernotwendigsten Dinge vorzubringen. Sicher hatte er sich gestern Mittag im Gästehaus wieder ein Gericht aufschwatzen lassen, das er nicht vertragen hatte. Das war wieder einmal typisch für ihn. Der Heilige Vater war nicht gerade als Süßholzraspler bekannt, ganz im Gegenteil konnte er ziemlich herrisch sein, anderseits fiel es ihm mitunter schwer, jemandem etwas abzuschlagen.
„Was steht heute auf dem Programm?“, fragte Seine Heiligkeit.
„Um zehn Uhr käme Don Pedro, der Priester aus Grado, dessen Ersparnisse wegen Verdachts auf Geldwäsche gesperrt worden sind.“
„Viele Konten sind gesperrt worden und bleiben es bis zum Ende der Prüfung. Was will er von mir? Es wurden doch alle Kontoinhaber davon informiert.“
„Ich weiß. Aber in diesem Fall handelt es sich um nicht ganz siebentausend Euro, die Don Pedro nun für seinen krebskranken Neffen benötigt.“
Seine Heiligkeit zog die Stirn in Falten. „Er soll einen Arztbrief vorlegen, irgendetwas, das seine Behauptung unterstützt. Wenn die Unterlagen glaubwürdig sind, kann der Betrag ausbezahlt werden.“
„Ich werde Don Pedro in diesem Sinne informieren.“
Der Heilige Vater nickte. „Apropos Bank, weiß man schon, wann diese Finanzberater endlich einen Bericht vorzulegen gedenken?“
„Leider nein, die Herren …“
„Sagen Sie den Herren, sie mögen einen Zahn zulegen, schließlich kosten sie eine Stange Geld. Sonst noch etwas?“
Kein Zweifel, dachte Roberto lächelnd, auch die Wortwahl seiner Heiligkeit hat sich in der letzten Zeit etwas verändert.
„Nichts, das sich nicht verschieben ließe.“
„Gut, ich möchte an meiner nächsten Predigt arbeiten.“
Das Schreiben von Predigten und Ansprachen des Papstes wurde früher vom Präfekten des Päpstlichen Hauses erledigt. Deshalb fragte Roberto nun: „Soll ich Erzbischof Fuscotti …“
„Nein“, knurrte Seine Heiligkeit.
Roberto verbeugte sich und suchte das Weite. Heute war mit dem Chef aber wirklich nicht gut Kirschen essen.

***

Nachdem Monsignore Rinaldo gegangen war, trank Leo von seinem Kamillentee, dann trat er ans Fenster. Der Himmel war grau und der Wind blies bunte Blätter über den Petersplatz, auf dem verhältnismäßig wenig Menschen unterwegs waren. Herbst eben. Vor zwei Jahren war er um diese Zeit in Wien gewesen, inkognito, bei seiner scharfzüngigen Schwester Katharina, die ihn – Gott sei’s gedankt – mit dieser seltsam anmutenden Methode von einigen Nahrungsmittelallergien befreit hatte. Danach war es ihm lange Zeit gut gegangen, doch in den letzten Wochen gab es wieder eine Menge Dinge, die er schlecht vertrug, vor allem Zwiebel. Dieser Kalbsbraten gestern hatte doch gar nicht nach Zwiebel ausgesehen, aber heute ging es ihm miserabel.
Jedenfalls war damals prachtvolles Herbstwetter gewesen. Er erinnerte sich gut an diese Tage. Nachträglich schien es ihm, als hätte dieser Aufenthalt sein Leben mehr verändert, als die Wahl zum Papst es getan hatte. Welch eine Ironie des Schicksals! Ausgerechnet Katharina hatte seinem Leben eine Wende gegeben, die er nie für möglich gehalten hatte. Es waren nicht so sehr die Streitgespräche, die er mit ihr geführt hatte, als die Begegnungen, die er ihr verdankte.
Da war einmal Florian, ihr feinsinniger und liebenswürdiger Stiefsohn, einer, mit dem man wunderbare Gespräche führen konnte – ausgerechnet er musste homosexuell sein. Seither hatte dieses Thema für Leo eine neue Dimension.
Dann Clemens, sein alter Freund aus Jugendtagen, ein Landpfarrer, der kein gutes Haar an der Kirchenführung gelassen hatte und in Österreich eine Reformgruppe anführte, die dem dortigen Kardinal ganz schön zu schaffen machte.
Und dann – Erika.
Er hätte nicht gedacht, dass er sie in diesem Leben noch einmal sehen würde – und schon gar nicht hätte er jemals vermutet, wie froh ihn das machte, wie viel Kraft er aus ihrer Anwesenheit schöpfte.
Leider hatte Erikas Anwesenheit nicht nur Sonnenseiten. Einige seiner früheren Mitstreiter verübelten ihm ihre Anwesenheit täglich mehr. Dabei taten sie doch nichts Unrechtes, ganz im Gegenteil. Erika leistete wirklich gute Arbeit, und ihm war ohnehin selten genug eine Stunde Freizeit gegönnt. Wenn ihr Terminkalender es zuließ, begleitete sie ihn am frühen Nachmittag in die Vatikanischen Gärten, ab und zu aß sie mit ihm und einigen Vertrauten zu Mittag, öfter war sie beim Abendessen dabei, das er gewöhnlich mit seinen Sekretären einnahm.
Erika war übrigens der Meinung, dass die offene Feindschaft, wie Kardinal Calvi sie neuerdings an den Tag legte, vermutlich noch das geringere Übel sei. Da wusste man wenigstens, woran man war. Außerdem war er ziemlich sicher, dass Calvis Abkehr nicht nur auf Erika zurückzuführen war. Mehr noch schien er ihm zu verübeln, dass er endlich den Entschluss gefasst hatte, in der Vatikan-Bank aufzuräumen. Das hatte übrigens nicht nur Calvi auf den Plan gerufen, auch andere Kardinäle der Kurie hatten sich offen gegen die Sperrung der Konten und eine Neubesetzung des Vorstandes der Bank ausgesprochen.
Dabei hatten es schon die Tauben von den römischen Dächern gepfiffen, dass in der Vatikan-Bank Schwarzgeld gewaschen wurde. Neun Milliarden Euro – und keiner wusste, wem sie gehörten? Also wirklich. Wenn er sich in diesem Fall etwas vorzuwerfen hatte, dann, dass er nicht schon an seinem ersten Amtstag gegen die Bank vorgegangen war.