Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

Brigitte Teufl-Heimhilcher header image 1

Lesepr. Ein Gerücht kommt selten allein

Die Übersiedlung

»Erstaunlich, wieviel Papier selbst in einem papierlosen Büro noch zusammenkommt«, murmelte Guido und schob den gerade fertig gepackten Karton zu den anderen.
Seine Assistentin Christine, die eben dabei war, den Inhalt ihres Schreibtisches in ihre riesige Umhängtasche zu stopfen, warf einen Blick auf die aufgestapelten Kartons und meinte nur: »Mein Gott, die paar Schachteln. Als wir vor acht Jahren hierher übersiedelt sind, hatten wir 153 von der Art.«
»Was du dir alles merkst«, staunte Daniel. Der junge Techniker war erst seit Kurzem bei ihnen und bisher nicht gerade durch ein außerordentliches Gedächtnis aufgefallen.
»Typisch Frau!«, lachte Guido. »Vermutlich weiß Christine auch noch, welche Schuhe sie damals getragen hat.«
Christine dachte nur kurz nach, ehe sie zurückgab: »Sicher. Ich hatte dunkelblaue Mokassins aus Wildleder, mit einer goldenen Spange. Todschick, kann ich euch sagen.«
Daniel schüttelte verblüfft den Kopf und verabschiedete sich eilends.»Vergiss nicht, morgen nach Bad Brunn zu fahren!«, rief Christine ihm nach.
»Du traust ihm auch alles zu.«
»Schon.«

Lächelnd trat er ans Fenster: »Das war’s dann mit unserem Großstadtbüro, ab morgen genießen wir den unwiderstehlichen Charme von Bad Brunn. Ich bin übrigens sehr froh, dass du mitkommst, obwohl du in Zukunft einen deutlich längeren Arbeitsweg haben wirst.«
»Was sollte ich sonst tun?«, gab Christine flapsig zurück. »Zumindest kann ich ab morgen ohne schlechtes Gewissen mit dem Auto ins Büro fahren – nach Bad Brunn fährt zum Glück keine U-Bahn.«
»Seit wann macht Autofahren dir ein schlechtes Gewissen? Ich dachte immer, es macht dir Spaß.«
»Eben – und weil nach Bad Brunn keine U-Bahn fährt, kann meine Tochter mir nicht mehr vorhalten, wie gedankenlos ich mit der Umwelt ihrer Kinder umgehe.«
»Hat sie denn schon welche?«
»Gott behüte! Dieser Umweltfuzzi, mit dem sie zurzeit Tisch und Bett teilt, wäre auch ein denkbar ungeeigneter Erzeuger.«
»Umweltfuzzis können doch auch recht wertvoll sein.«
»Nicht, wenn sie soziale Gerechtigkeit predigen und dabei ganz ungeniert von der Kohle ihrer Eltern leben«, antwortete Christine und wandte sich wieder ihrem Laptop zu. Sie checkte die eingegangenen Mails und entschied: »Kann alles bis morgen warten. Wenn sonst nichts mehr ansteht, pack ich’s dann auch.«
»Mach das. Ich komme morgen etwas später. Um acht übergebe ich die Wohnung, um neun treffe ich mich hier mit Doktor Neubauer …«
»Ich weiß«, unterbrach Christine. »Vergiss bitte nicht auf den Safeschlüssel, er hat mich deswegen extra noch einmal angerufen.«

»Sicher war er untröstlich zu hören, dass er mit mir Vorlieb nehmen muss«, scherzte Guido. Es war ihm nicht entgangen, dass der Verwalter schon seit einiger Zeit ein Auge auf Christine geworfen hatte. Offenbar ohne besonderen Erfolg, denn Christine schnitt eine Grimasse und ging. Komisch eigentlich, dachte Guido, während er seine Schreibtischutensilien zusammenpackte. Der Verwalter müsste doch genau ihr Typ sein. Er sah gut aus, fuhr ein schnittiges Auto – und Humor musste er bei seinem Beruf wohl auch haben.
Dann trat er auf den winzigen Balkon und genoss noch einmal den Blick auf den Donaukanal und das bunte Treiben in der Fußgängerzone. Es war einer der ersten lauen Abende dieses Frühlings. Auch jetzt saßen noch ein paar Unentwegte in den kleinen Schanigärten vor den Lokalen.
Er gab dieses Büro höchst ungern auf, denn der Standort passte ebenso perfekt wie das Ambiente. Ein Dachgeschossatelier in der Innenstadt war immer sein Traum gewesen, und dieses hier war noch dazu erschwinglich.
Ausgeträumt.
Ausgeträumt, wie alles andere auch.

Nun also Bad Brunn. In einer Kleinstadt zu leben war nicht gerade sein sehnlichster Wunsch, aber wie sonst sollte er seine Arbeit und die Sorge um Lea unter einen Hut bringen – und dass er sich um Birgits Tochter kümmern würde, stand außer Zweifel.
Wie immer, wenn er an Birgit dachte, schnürte ihm der Schmerz die Kehle zu. Er ging zurück in sein Büro und betrachtete ihr Bild, das immer noch mit einem Trauerflor auf seinem Tisch stand.
Warum nur? Warum musste ausgerechnet sie diesem Besoffenen in die Quere kommen? Ausgerechnet Birgit, die als Notärztin mehr als nur ein Menschenleben gerettet hatte. Es war so ungerecht! Mit einer liebevollen Geste fuhr er über ihr lächelndes Gesicht. Dann wischte er sich die Tränen aus den Augen, steckte das Foto in seine Aktentasche, schloss die Balkontür und machte sich auf den Weg in die nur wenige Gehminuten entfernte Wohnung. Ihr gemeinsames Nest. Er hatte es gemeinsam mit Birgit bezogen. Morgen würde er es ebenfalls verlassen. Wenn schon, denn schon. Es sollte ein ordentlicher Schnitt sein und ein Schritt in ein neues Leben. Ein Leben, das er nun ohne Birgit führen musste. Dafür mit einer pubertierenden Stieftochter und einer gebrochenen Schwiegermutter. Aber was sollte er machen, die beiden hatten doch nur noch ihn.