Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

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Leseprobe

Zwillinge in Dur und Moll

Veränderung ist am Anfang schwer, chaotisch in der Mitte, aber am Ende einfach großartig!(unbekannter Verfasser

  1. Immer bleibt alles an mir hängen!

„Die Vorhänge müssten auch wieder einmal gewaschen werden“, dachte Roswitha, während sie dem Redefluss ihrer Zwillingsschwester am Telefon lauschte. Als Vicky endlich eine Pause einlegte, antwortete sie rasch: „Natürlich freue ich mich dich zu sehen, wenn auch aus einem traurigen Anlass. Noch mehr hätte ich mich gefreut, wenn du nicht im letzten Moment und – vor allem –  nicht mit Vater und dieser Silke gekommen wärst.“

Dazu hatte Vicky einiges zu sagen. Während Roswitha zunehmend ungeduldig zuhörte, betrat ihr Mann Ewald das gemeinsame Büro. Sie sah mit hochgezogenen Augenbrauen auf die Uhr und warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. Dann trommelte sie mit den Fingern auf das vor ihr liegende Notizbuch. Eine Maniküre wäre auch wieder fällig.  Ob ihre Friseurin das morgen noch einrichten konnte? Endlich schien Vicky Luft zu holen und Roswitha fuhr schnell dazwischen: „Also gut, ich kann es ohnehin nicht mehr ändern. Selbstverständlich hole ich euch ab. Wenn euer Flieger pünktlich ist, bringe ich euch noch ins Hotel, andernfalls müssen wir direkt vom Flughafen zur Trauerfeier fahren. Aber diese Silke kommt mir nicht mit in die Feuerhalle, nur dass das klar ist.“

„War das deine Lieblingsschwester?“, fragte Ewald, nachdem sie das Gespräch beendet hatte.

Sie nickte.

„Und warum bist du dann so geladen?“

„Weil wieder einmal alles an mir hängen bleibt. Vicky kommt jetzt doch erst am Freitag, und dann bringt sie auch noch Vater mit, samt dieser Silke. Ich finde das unmöglich.“

„Wäre er nicht zur Beerdigung deiner Mutter gekommen, hättest du es auch unmöglich gefunden, und diese Silke ist nun einmal seit etlichen Jahren seine Frau,“, meinte Ewald lapidar, während er seinen Computer hochfuhr.

„Unsere Eltern waren bekanntlich geschieden, seit über dreißig Jahren.“

„Davor waren sie zwanzig Jahre verheiratet und hatten zwei reizende Töchter“, erwiderte Ewald mit einem süffisanten Lächeln. „Wenn das kein guter Grund ist, zur Beerdigung zu kommen, dann weiß ich’s auch nicht.“

Roswitha überhörte die „reizenden Töchter“ und seufzte. „Wäre ja auch ein Wunder, wenn du einmal meiner Meinung wärst. Jedenfalls habe ich alle Hände voll zu tun. Schließlich kommen nach der Trauerfeier mindestens zwanzig Gäste.“

„Auf deinen Wunsch hin. Wir hätten schließlich auch in ein Gasthaus gehen können.“

Sie warf ihm einen zornigen Blick zu und sagte scharf: „So weit kommt‘s noch. Es handelt sich immerhin um die Trauerfeier meiner Mutter.“

Er hob abwehrend beide Hände. „Schon gut, schon gut. Ich habe ja nichts dagegen. Tini kann dir am Freitagvormittag doch zur Hand gehen. Und wenn du willst, kann ich Vicky vom Flughafen abholen.“

„Tini muss am Vormittag noch zur Schule. Sie hat in der zweiten Stunde eine Entscheidungsprüfung.“

„Ich dachte, es steht schon fest, dass sie das Schuljahr positiv abschließen wird.“

Roswitha verdrehte neuerlich die Augen. „Sie steht in Bio zwischen drei und vier.“

Ewald zuckte die Schultern. „Ist doch egal.“

War ja klar, dass er das so sah. Aber Roswitha hatte nicht vor, diese Frage im Moment zu diskutieren. Er würde sich sowieso auf Tinis Seite stellen. Stattdessen fragte sie: „Wo warst du solange?“

„Ich habe nach der Verhandlung mit Hartmuth noch einen Kaffee getrunken. Stell dir vor, er hat mir erzählt, dass Michael Hausner ebenfalls nach einem strategischen Partner sucht.“

„Strategische Partner“ waren neuerdings ein Reizthema, darauf ging sie besser nicht ein. Nicht jetzt, nicht heute. „Und warum stinkst du dann nach Beisel?“

„Wir haben uns erlaubt, vor dem Kaffee noch ein Paar Würstel zu essen und ein kleines Bier zu trinken. Er lässt dich übrigens grüßen.“

Sie nickte wortlos. Hartmuth war Ewalds Anwalt und ein Freund der Familie – seit nahezu dreißig Jahren. Er genoss in der Immobilienbranche hohes Ansehen und galt als ausgemachter Kenner des Wohnrechts. Roswitha war derzeit allerdings nicht besonders gut auf ihn zu sprechen, weil er seit seiner Scheidung offenbar zu viel Zeit hatte und keine Gelegenheit ausließ, um andere Leute davon abzuhalten, am Abend nach Hause zu gehen – ganz besonders Ewald, mit dem er seither mehr als einen Abend verbracht hatte.

Während sie ihr Notizbuch in die Tasche steckte sagte sie: „Ich räume hier das Feld, hole Tini noch rasch von der Schule ab und begebe mich dann an meinen Zweitarbeitsplatz. Deine Sprechstunde beginnt übrigens in wenigen Minuten.“

Er nickte und fragte spöttisch: „Bist du sicher, dass Tini das zu schätzen weiß?“

Sie warf ihm einen genervten Blick zu. „Wir wissen beide, wie sie darüber denkt. Aber es geht einfach nicht an, dass sie täglich mit ihren Freundinnen im Donauzentrum herumhängt, fette Pommes und süßes Cola in sich hineinstopft und Lippenstift scheinbar en gros kauft. Kannst du mir übrigens erklären, woher sie das Geld für diesen Plunder hat? Von mir hat sie diesen Monat nämlich nur das halbe Taschengeld bekommen.“

Ewald gab keine Antwort und tat, als wäre er bereits in seine Akten vertieft. Dann war ja alles klar. Sie spürte Wut in sich hochsteigen und atmete tief durch. Warum mischte er sich ständig in ihre Erziehung ein? Aber das würde sie ein anderes Mal klären. Jetzt fragte sie kurz angebunden: „Wann ist heute Abend mit dir zu rechnen?“

„Ich fürchte, nicht vor acht. Ich habe um sechs noch eine Besprechung.“

„Wie immer“, dachte Roswitha, nickte ihm zu und verließ das Büro. Die innere Unruhe, die sie seit dem Tod ihrer Mutter verspürte, war heute noch stärker. Sie würde sich zu Hause einen beruhigenden Tee machen, zum Hinlegen blieb leider keine Zeit.

Als sie aus dem Haus trat, schlug ihr schwül warme Luft entgegen. Hatte sie deswegen schon den ganzen Vormittag Kopfschmerzen? War es der Gedanke an die vor ihnen liegende Trauerfeier oder lag es gar daran, dass nun auch noch ihr Vater dazu anreisen würde? Sie fächelte sich Luft zu und erwiderte nur knapp den Gruß von Ewalds Sekretärin, die eben an ihr vorbeistöckelte. Roswitha warf gewohnheitsmäßig einen Blick auf ihre teure Armbanduhr. 10 Minuten nach 13 Uhr. Die Gute hatte schon wieder die Mittagspause überzogen. Und was würde Ewald dazu sagen? Nichts würde er dazu sagen. Wie immer. Diese Tussi konnte sich wirklich alles erlauben. Alle konnten sich alles erlauben, nur wenn sie einmal einen Fehler machte, dann war Feuer auf dem Dach. Sie hatte dieser dummen Kuh schließlich nicht absichtlich zu wenig Urlaubsgeld ausbezahlt, warum musste sie so einen Aufstand deswegen machen.

Für Anfang Juni war es extrem heiß. Hoffentlich würde es am Freitag etwas erträglicher sein. Zur Trauerfeier musste sie doch ihr schwarzes Kostüm anziehen. Als Tochter der Verstorbenen konnte sie schließlich nicht im T-Shirt erscheinen. Was würden denn die Leute denken?

Wenigstens stand ihr Polo im Schatten des großen Kastanienbaumes, der den gesamten Innenhof dominierte. Als Bernhard und Felix noch klein gewesen waren, hatten sie voller Eifer Kastanien gesammelt. Anschließend war sie mit ihnen quer durch die Stadt gefahren. Im Lainzer Tiergarten hatten sie dann ein paar Groschen pro Kilo bekommen. Was hatten Ewald und sie abends darüber gelacht. Aber das war lange her. Heute waren die Buben erwachsen und Ewald und sie lachten nur noch selten – zumindest nicht gemeinsam. Selbst Tini war längst in der Pubertät. Als Mutter hatte man da ziemlich schlechte Karten und stand ganz hinten in der Prioritätenliste – noch nach den Schularbeiten.

In der Zwischenzeit war Roswitha vor dem Schulgebäude angekommen. Wie zur Bestätigung kam Tini lässig auf sie zugeschlendert. „Was machst du denn hier?“

„Ich hole dich ab. Ist doch nett von mir. Schließlich hast du heute noch eine Menge zu lernen.“

Tini warf ihr einen verständnislosen Blick zu.

„Ich sage nur Bio.“

„Ach das“, sagte Tini wegwerfend und ließ sich seufzend auf den Beifahrersitz fallen. „Wär‘ echt nicht notwendig gewesen.“

Roswitha ersparte sich die Antwort und fädelte sich in den Verkehr ein.

 

***

 

Wie üblich kam Sohn Felix zu spät. Alles andere hätte Ewald gewundert. Dennoch warf er einen betonten Blick auf die Uhr.

„Ich weiß, ich weiß, ich bin zu spät.“

Ewald nickte. „Wo brennt‘s?“

„Wieso?“

„Wenn du mich allein und noch dazu im Büro sprechen willst, dann brennt’s irgendwo. Wenigstens kannst du diesmal nicht der Schule verwiesen worden sein.“

Felix verzog das Gesicht. „Das hältst du mir immer noch vor.“

„Nicht direkt, ist ja auch schon eine Weile her, aber dein Gesichtsausdruck hat mich irgendwie an damals erinnert. Ich höre.“

„Na ja, irgendwie hat es schon mit Ausbildung zu tun. Um es kurz zu machen, ich werde das Studium an der Fachhochschule nicht weiter fortsetzen, ich mache keinen Master.“

Ewald spielte mit dem Brieföffner, dann legte er ihn zur Seite und sagte: „Meinst du ernsthaft, der Bachelor ist ausreichend? Das ist doch eine halbe Sache.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Deine Mutter wird vermutlich ausrasten.“

„Ja, wird sie, und ja, wenn ich wirklich in der Immobilienbranche arbeiten wollte, dann wäre das Masterstudium natürlich von Vorteil. Der Punkt ist: Ich will gar nicht in der Immobilienbranche arbeiten – und diesen Sommer schon gar nicht.“

Ewald seufzte. Ganz unvorbereitet traf es ihn nicht. Er hatte nie gefunden, dass ausgerechnet Felix das Zeug zum Hausverwalter hatte.

„Und was willst du jetzt machen?“

„Zunächst fahre ich mit der Band an den Wörthersee. Stell dir vor, wir haben ein Engagement im Schloss-Hotel. Bis Ende August. Na, was sagst du?“

„Schön und gut, aber was kommt danach?“

„Mal sehen. Vielleicht gehe ich doch ans Konservatorium, vielleicht aber auch nicht. Abwarten, was sich noch so ergibt.“

Ewald war aufgestanden und ans Fenster getreten. Blicklos sah er in den Innenhof. Natürlich war es kein Beinbruch, wenn Felix sich zwei Monate als Musiker verdingte. Vermutlich war es sogar besser, als hier in der Kanzlei alles durcheinander zu bringen. Felix würde kein vernünftiger Verwalter werden, nie und nimmer. Deswegen dachte Ewald ja immer öfter daran, sich mit einem Partner zusammenzuschließen, auch wenn er Roswitha bisher noch nicht von dieser Idee hatte überzeugen können.

Das Problem war eher, dass Felix keinen Plan zu haben schien. Wo hatte der Bub das bloß her? Von ihm sicher nicht und von Roswitha erst recht nicht. Sie hatten sich stets bemüht, gerade Felix zu mehr Ernsthaftigkeit anzuhalten. Aber vielleicht war ja das der Grund. Ewald hatte sich diesbezüglich ohnehin nie besonderen Illusionen hingegeben. Er selbst war doch das beste Beispiel dafür, dass die Erwartungen der Familie und die eigenen Interessen nicht übereinstimmen mussten.

Er stammte aus einer höchst musikalischen Familie. Was hatten seine Eltern nicht alles versucht, ihm ihre heißgeliebte Stubenmusi näher zu bringen oder wenigstens einen passablen Instrumentenbauer aus ihm zu machen, wie sein Vater einer war. Was war er geworden? Hausverwalter, noch dazu in Wien. Seine Eltern hatten ihn ziehen lassen, verstanden hatten sie es nicht. Vielleicht wurde ja aus Felix jetzt der Musiker, den sie sich immer gewünscht hatten. Schade, dass sie es nicht mehr erleben konnten. An diesem Punkt seiner Überlegungen wandte er sich wieder Felix zu. „Tja, dann würde ich dir raten, die Trauerfeier abzuwarten und danach mit deiner Mutter zu reden.“

„Das würde ich, aber wir müssen am Samstag bereits anfangen.“

Daher die Eile. „Schlechtes Timing. Was erwartest du jetzt von mir?“

„Also, ich dachte mir, ich komme am Freitag noch zur Trauerfeier, danach düsen wir nach Kärnten. Am Samstagvormittag müssen wir alles aufbauen, dann gibt es noch einen Soundcheck und am Nachmittag geht’s los mit dem ersten ‚Five o’clock tea‘.“

„Und du meinst, während du am Wörthersee deinem Hobby nachgehst, streite ich mit deiner Mutter.“

Felix grinste: „Erstens ist es diesmal nicht nur Hobby, wir bekommen richtig Kohle. Zweitens streitet ihr doch sonst auch. Wo ist also der Unterschied?“

„Vorsicht, Kollege“, knurrte Ewald, doch ganz unrecht hatte der Bub leider nicht. Das Zusammenleben mit Roswitha war in den letzten Jahren zunehmend schwieriger geworden, und seit dem Tod ihrer Mutter war es noch komplizierter.

„Wie stellst du dir das vor?“

„Du machst das schon, danke Papa! Ich muss jetzt leider los. Bis Freitag!“

Schon war Felix aus der Tür. Ewald, der immer noch am Fenster stand, beobachtete, wie er die letzten Stufen in den Hof sprang und ihm noch einmal zuwinkte. Dann schwang er sich auf sein Rad und fuhr davon.

„So nicht, mein Freund“, murmelte Ewald, während er sich wieder an seinen Schreibtisch setzt. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und dachte nach. Dann grinste er. Er hatte da so eine Idee. Jedenfalls würde er sich nicht auch noch wegen Felix mit Roswitha streiten. Es gab auch sonst reichlich Konfliktpotenzial. Dass er Tinis Taschengeld heimlich aufgestockt hatte, würde sie ihnen sicher nicht durchgehen lassen.

  1. Die Trauerfeier

Die Lippen tapfer zusammengepresst saß Roswitha mit geradem Rücken neben Ewald. Er wusste, wie sehr sie unter dem Tod ihrer Mutter litt und hätte sie gerne in den Arm genommen, aber das ließ sie nicht zu. Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit waren ihr unangenehm. Zum Glück war es in der Feuerhalle nicht allzu heiß, denn sie hatte trotz der hochsommerlichen Temperaturen darauf bestanden, ihr schwarzes Kostüm zu tragen, weil sie der Meinung war, das sei das Einzige, das dem Anlass gerecht wurde.

Seine Schwägerin Vicky hingegen trug ein schwarzes Seidenkleid mit einem weit schwingenden Rock, das nicht nur sichtbar luftiger war, sondern sie auch noch hervorragend kleidete. Unvorstellbar, dass die beiden Zwillinge waren. Obwohl Größe, Figur und auch das blonde Haar annähernd gleich waren, sahen sie einander nicht mehr allzu ähnlich. Das Leben hatte seine Spuren hinterlassen, die unterschiedlichen Arten sich zu kleiden taten ein Übriges. Während Roswitha ihr Haar streng zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten geschlungen hatte, trug Vicky es offen und lockig. Außerdem schien sie einen halben Kopf größer zu sein, aber das lag nur an den Schuhen. Roswitha trug gerne Ballerinas oder Schuhe mit niedrigen Absätzen, Vicky war auch heute auf High Heels unterwegs. Toll sah sie aus.

Neben Vicky saß ihr Vater, der weltberühmte Dirigent Hermann Zeller. Auch jetzt wirkte er distinguiert und ein klein wenig erhaben. Seine weiße, wallende Mähne war nicht nur unter Musikfreunden wohl bekannt. Privat kannte Ewald ihn kaum, weil Roswitha jeglichen Kontakt mit ihm abgelehnt hatte – ihrer Mutter zuliebe, wie sie sagte. In den mehr als dreißig Jahren, die er nun mit Roswitha verheiratet war, hatte er ihn nur wenige Male getroffen. Nicht einmal zu ihrer eigenen Hochzeit hatten sie ihn eingeladen. Roswitha meinte, das sei ihrer Mutter nicht zuzumuten. Ewald hatte das nie ganz verstanden und fand es schade, dass die Scheidung seiner Schwiegereltern einen so tiefen Riss in der Familie hinterlassen hatte.

Er ließ seinen Blick weiter über die Trauergemeinde schweifen. Sie war nicht allzu groß, seine Schwiegermutter hatte ziemlich zurückgezogen gelebt und nur wenige Freunde gehabt. Ihr Lieblingsenkel Felix war in schwarzen Jeans und einem grauen Hemd erschienen. Seine Oma hätte es ihm verziehen, obwohl sie in Sachen Etikette sonst ziemlich unbeugsam war. Ewald fand, dass Felix für seine Begriffe ausgesprochen zivilisiert aussah, dennoch hatte Roswitha ihm einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen. Gesagt hat sie allerdings nichts. Wenn sie wüsste, was Felix vorhatte, wäre sein Look vermutlich noch das kleinste Problem.

Sohn Bernhard hingegen war, ganz der Anwalt, vorschriftsmäßig im schwarzen Anzug erschienen. Seine Freundin Lena hatte es offenbar vorgezogen, der Trauerfeier fern zu bleiben. Keine gute Idee. Das würde ihr bei Roswitha einen weiteren Minuspunkt einbringen.

Das erste Musikstück erklang, die Trauerfeier begann. Roswitha hatte ein ziemlich anspruchsvolles Musikprogramm zusammengestellt. Nach dem ersten Teil sprach ein Priester. Offenbar war er von Roswitha instruiert worden, denn er zeichnete das Bild einer aufopferungsvollen Ehefrau und Mutter, die immer nur das Wohl ihrer Familie im Auge gehabt hatte. Ewald hatte da seine Zweifel. Möglich, dass sie früher eine liebevolle Mutter gewesen war. Sie war ja auf den ersten Blick eine sanfte Person, nie hatte er in all den Jahren ein lautes Wort von ihr gehört. Das hatte sie auch gar nicht nötig gehabt. Lieselotte Zeller hatte mit Seufzern regiert. Damit hatte sie den verbliebenen Rest ihrer Familie allerdings gut im Griff gehabt, vor allem Roswitha. Sein Schwiegervater und Vicky hatten sich irgendwann aus dem Staub gemacht. Ewald konnte es ihnen nicht verdenken.

Als das Ave-Maria ertönte hörte er Tini, die rechts neben ihm saß, schluchzen.  Er legte seinen Arm um sie und zog sie sanft an sich. Wenigstens sie durfte er ein wenig trösten.

 

***

 

Als sie die Feuerhalle verließen traf die Hitze Roswitha wie ein Schlag. Zumindest konnte sie jetzt ihre Kostümjacke ausziehen. Einige der Gäste verabschiedeten sich, andere folgten ihrer Einladung zu einem kleinen Imbiss in ihr Haus nahe der Alten Donau. Roswitha hatte schon gestern Schinkenkipferl, Käsestangerl und zwei Kuchen gebacken, heute Morgen hatte sie noch zwei Kraut- und zwei Fleischstrudel zubereitet, ehe sie zum Flughafen gefahren waren. Den Getränkeservice würde nun ihre Haushaltshilfe, Frau Yilmaz übernehmen, die die Trauergäste bereits erwartete. Sobald sie zum Auto gingen, würde Roswitha sie anrufen, damit alles rechtzeitig auf dem Buffett angerichtet werden konnte. Sie überließ nur ungern etwas dem Zufall.

Als Felix nun auf sie zukam rang sie sich ein Lächeln ab: „Willst du mit uns fahren?“ Üblicherweise fuhr er mit dem Rad, nur in Ausnahmefällen bediente er sich des Carsharings.

„Geht leider nicht, ich muss heute noch nach Kärnten. Unsere Band hat dort einige Auftritte. Meine Kollegen warten schon.“

„Heute noch? Das glaube ich jetzt nicht! Ich meine, so wichtig kann das ja wohl nicht sein.“

„Doch, leider.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange und wollte sich davonmachen. Roswitha hielt ihn zurück. „Wann kommst du wieder?“

„Weiß ich noch nicht genau. Frag Papa, der weiß mehr.“

„Wieso weiß Papa mehr?“

Felix zuckte nur lächelnd die Schultern, machte sich von ihr los und strebte dem Parkplatz zu.

Papa weiß mehr? Was waren denn das für neue Sitten. Sie war doch die Familienmanagerin, die für alle ein offenes Ohr hatte, die immer wusste, wer, wann und wo war. Geriet denn ihre ganze Welt aus den Fugen?

 

*

 

Als gegen 18 Uhr die ersten Gäste aufbrachen, kam auch ihr Vater auf Roswitha zu.

„Ich muss mich leider verabschieden, ich möchte Silke nicht so lange allein im Hotel lassen. Wann findet denn die Urnenbeisetzung statt?“

„Nächsten Mittwoch, allerdings nur im engsten Familienkreis.“

Ihr Vater sah sie nur an. Sie kannte diesen Blick, er hatte sie schon als Kind verunsichert. Dann sagte er: „Ach, Rosi“, drehte sich um und ging.

„Warum bist du denn so …“, Vicky suchte kurz nach dem richtigen Wort, „horribly zu Daddy?“

Roswitha drehte sich zu Vicky um, die mit einem Sektglas in der Hand hinter ihr stand. Zum Glück wurde sie einer Antwort enthoben, denn Tini rief: „Also ich finde ihn total keksi. Außerdem hat er mich in den Ferien nach Berlin eingeladen. Wie findest du das?“

„Anmaßend“, antwortete Roswitha und machte sich auf den Weg in die Küche, obwohl sie nicht genau wusste, was sie dort wollte. Vicky und Tini folgten ihr.

„Warum ist es anmaßend, wenn Opa mich nach Berlin einlädt?“

„Er hätte erst mit mir reden müssen. Nur damit du dir keine falschen Hoffnungen machst, Mäuschen: Das kommt überhaupt nicht in Frage.“ Roswitha verwendete nur in Ausnahefällen Kosenamen. Doch die Botschaft schien nicht anzukommen.

Tini starrte sie an: „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst! Warum denn nicht?“

Roswitha versuchte es verständnisvoll. Schließlich konnte die Kleine ja nichts dafür. „Tini, wie stellst du dir das vor? Du kannst doch nicht alleine nach Berlin reisen.“

„Wieso? Ich bin doch kein Baby mehr!“

„Darüber reden wir später“, versuchte Roswitha Tini und das Thema loszuwerden, schließlich waren noch Gäste im Haus.

„Darauf kannst du Gift nehmen!“, schäumte Tini und stürmte hinaus.

„Typisch Vater“, murmelte Roswitha. „Kommt, stiftet Unruhe und geht wieder ab. So hat er es immer gemacht.“

„Du hast wirkliche seltsame Erinnerungen an Daddy“, sagte Vicky, schüttelte den Kopf und ging davon.

Roswitha sah ihr verblüfft nach. Sie war über Vickys englischen Akzent immer wieder erstaunt. Aber gut, das war nicht das Problem. Vicky hatte lange Jahre im Ausland gelebt. Erst mit Vater in New York, später mit ihrem Ehemann in London. Das Problem war, dass sie – wie sich immer wieder zeigte – ziemlich unterschiedliche Erinnerungen an ihre Kindheit hatten. In Vickys Erinnerung kam Vater viel besser weg. Das führte mitunter zu Differenzen zwischen Vicky und ihr. Differenzen, die Roswitha belasteten. Sie seufzte, dann sah sie sich in der Küche um, fand nichts zu tun und ging langsam zurück in den Wohnraum. Vicky stand am Buffett und bediente sich gerade mit einem Stück Fleischstrudel. Roswitha trat zu ihr und bemühte sich um einen versöhnlichen Ton. „Wie lange kannst du bleiben?“

„Solange du willst. Ich bin diesmal nicht so sehr in … a hurry. Du verstehst?“

„Schon, du hast diesmal etwas mehr Zeit. Das freut mich. Endlich mal eine positive Nachricht.“

„Die Konzertagentur läuft auch ohne mich. Mary, Johns Tochter, ist wirklich tüchtig, und seit mein John nicht mehr lebt, ist das Leben in London ohnehin nicht mehr dasselbe.“

„Ich dachte, London sei die tollste Stadt der Welt.“

„Mit John war sie’s. Es ist wirklich seltsam. Seit John tot ist, fallen mir so viele Dinge auf, die mir an der Stadt weniger gefallen. Die Sache mit dem Brexit macht mir die Engländer auch nicht sympathischer. Wären da nicht unsere Freunde und meine Familie …“

„Familie?“

„Meine Stieftochter Mary, ihr Mann, deren Kinder. Die vier waren mir im letzten Jahr eine große Stütze. Du und Mutter wolltet mich ja nicht einmal besuchen kommen.“

„Mutter hatte Flugangst, das weißt du, Ewald und ich waren doch zu Johns Beerdigung in London – und bei eurer Hochzeit.“

„Na wunderbar. Immerhin waren wir zwanzig Jahre verheiratet. Wären John und ich nicht immer wieder nach Wien gekommen, hätten wir uns gänzlich aus den Augen verloren.“

„Das hätten wir nicht!“, entgegnete Roswitha wider besseren Wissens. „Wir haben doch telefoniert, anfangs Briefe geschrieben, später gemailt.“

„Ganz großartig“, antwortete Vicky mit Grabesstimme und nahm sich noch ein gefülltes Ei. „Dazwischen war Funkstille, das hast du vergessen.“

Ein Thema, das Roswitha lieber nicht vertiefen wollte. Sie wusste ja selbst nicht mehr, warum sie Vicky eine Zeitlang aus ihrem Leben ausgeschlossen hatte. Sie hakte sich bei Vicky ein und sagt mit betonter Fröhlichkeit: „Jedenfalls freue ich mich, dass du diesmal länger bleibst. Du kannst natürlich bei uns wohnen. Wann wird Vater abreisen?“

„Nachdem du ihn hast wissen lassen, dass seine Anwesenheit bei der Urnenbeisetzung nicht erwünscht ist, nehme ich an, dass sie morgen nach Berlin weiterreisen werden. Daddy verträgt die Hitze nicht mehr so gut. In seiner Villa in Grunewald hat er es deutlich angenehmer.“

„Dann ist doch alles gut. Sobald Vater abgereist ist, ziehst du zu uns. Ich habe das Gästezimmer ohnehin schon für dich vorbereitet.“

„Mach dir doch keine Umstände. Ich kann auch im Hotel wohnen.“

„Kannst du, sollst du aber nicht. Ach Vicky, ich bin doch so unendlich froh, dich endlich einmal für mich zu haben!“