Leseprobe Waldstettener G’schichten: Besuch aus Rom Band 2

Prolog

Ob die ihn orten konnten, wenn er kurz einmal das Navigationsgerät einschaltete? Zu blöd, dass er sich bisher um solche Dinge nie gekümmert hatte. Aber wie hätte er ahnen sollen, dass er sich eines Tages von Rom nach Waldstetten durchschlagen musste. Noch dazu im Winter – und ohne Chauffeur. Zum Glück hatte sein Auto Winterreifen. Wäre er nach Weihnachten nicht ein paar Tage in Südtirol zum Schifahren gewesen, hätte sein Chauffeur sicher keine Winterreifen montieren lassen. In Rom brauchte man die nur sehr selten, im Grunde gar nicht.

Er hatte längst vergessen, wieviel Schnee es um diese Zeit im Waldviertel geben konnte. Er war ja auch schon lange nicht hier gewesen.

Gerne hätte er irgendwo einen Espresso getrunken, aber es war kurz vor Mitternacht. Kaum anzunehmen, dass noch irgendwo eine Gastwirtschaft offen hatte. Anders als in Rom gingen die Menschen hier früh zu Bett. Apropos Bett. Er war seit dem frühen Morgen unterwegs und sehnte sich nach einem Bett. Wenn er nur schon bald da wäre.

Ein langer, aufregender Tag lag hinter ihm – ein sehr langer. Einer, auf den er gerne verzichtet hätte, einer, den Gott der Herr ihm hätte ersparen können. Nun ja, er hatte schon verstanden, dass der sich nicht um die Befindlichkeiten seines Bodenpersonals kümmerte, andernfalls hätte er im Vatikan längst mit Donner und Blitz arbeiten müssen oder mit einer Sturmflut. Unwetter gab es ohnehin immer öfter – ausgerechnet der Vatikan war bisher davon verschont geblieben. Warum auch immer.

An der nächsten Kreuzung hielt er an. Zwettl hatte er bereits hinter sich gelassen. Musste er jetzt Richtung Weitra oder nach Gmünd? Beide Orte waren ihm bekannt, aber welcher Weg führte direkt nach Waldstetten? Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Ob er es wagen konnte, das Navigationsgerät einzuschalten? Würden sie ihn überhaupt suchen – oder waren sie damit zufrieden, dass er fort war?

Er entschied sich gegen das Navigationsgerät und schlug den Weg Richtung Gmünd ein. Mit Gottes Hilfe würde er auch die letzten Kilometer bewältigen – allerdings wartete er auf diese Hilfe schon ziemlich lange – und es ging bei weitem nicht immer nur um ihn.

Morgenmenschen und andere Seltsamkeiten

Bürgermeister Ludwig Paffler konnte einfach nicht verstehen, wie Menschen, in aller Früh, so ein Mitteilungsbedürfnis haben konnten, wie seine beiden Damen. Bei aller Liebe, aber das war nur schwer auszuhalten.

Er war kein geborener Frühaufsteher, aber als Baumeister immer schon dazu gezwungen, zeitig unterwegs zu sein. Seit er allerdings mit Liesl, der Gemeindeärztin, verheiratet war, und eine Stieftochter hatte, war er noch früher dran als zuvor. Wie gesagt, nicht ganz freiwillig.

Auch an diesem Wintermorgen war es noch dunkel, als er das Haus eilends verließ, bevor deren Redeschwall über ihn hereinbrach. In den meisten Häusern brannte schon Licht, die Kinder mussten schließlich rechtzeitig zur Schule nach Stettenkirchen und die größeren hatten einen noch weiteren Schulweg.

Warum aber brannte im Pfarrhaus Licht? Hatte die Kindergruppentante gestern vergessen es auszumachen, oder war abends noch eine der Jugendgruppen da gewesen? Moment mal – das Licht brannte im ersten Stock. Den hatte die Gemeinde doch gar nicht gemietet. Die nicht vermieteten Teile des Pfarrhauses standen seit Jahren leer. Genau genommen, seit Pfarrer Pecher gestorben war. Seither hatte kein Pfarrer mehr dauerhaft hier gewohnt. Der, den sie sich nun mit Stettenkirchen und zwei anderen Gemeinden teilen mussten, lebte in Stettenkirchen und kam wochentags nur selten vorbei. Hatte er das Licht brennen lassen? Das sähe ihm ähnlich.

Zum Glück war das Pfarrhaus in das Schließsystem des Gemeindeamts eingebunden, also würde Ludwig gleich einmal nach dem Rechten sehen. Als er vor dem Pfarrhof hielt, fiel ihm ein dunkler Mercedes mit italienischem Kennzeichen auf. Komisch. Es kam nicht oft vor, dass sich im Jänner Fremde hierher verirrten.

Er betrat den alten Pfarrhof und nahm den vertrauten Geruch wahr. Manche Häuser rochen stets gleich. Dieses roch immer noch nach einer Mischung aus Bodenwachs und Weihrauch. Im Erdgeschoss war es dunkel, auch sonst war nichts zu hören. Er schaltete die Gangbeleuchtung ein und machte sich auf den Weg in den ersten Stock. Wenn er sich recht erinnerte, hatte das Licht im ehemaligen Kaplanszimmer gebrannt. Der Weg dorthin war ihm vertraut, wenn er ihn auch lange nicht mehr gegangen war. In seiner Jugend war der Raum eine Mischung aus Büro und Jugendtreff gewesen. Wenn im Jugendclub nichts los war, schaute man schnell mal bei Pater Gottfried vorbei. Wie lange war das jetzt her?

Ludwig war vor der fraglichen Tür angekommen. Alles ruhig. Er öffnete die Tür und traute seinen Augen nicht. Ein Mann mit grauen Schläfen und Brille saß am Schreibtisch. Auf der Couch lagen Pölster und mehrere Decken, als hätte jemand hier geschlafen.

„‘tschuldigung“, stammelte Ludwig. „Ich wollt nicht stören, … aber ich habe Licht gesehen … da dachte ich … also, ich bin der Bürgermeister.“

Der Mann erhob sich. Er war groß und schlank und kam Ludwig irgendwie bekannt vor.

„Und als Bürgermeister fühlen Sie sich auch für Licht im Pfarrhaus verantwortlich? Das nenne ich löblich.“

„Schon, weil wir, also die Gemeinde, hat das Haus ja gemietet. Allerdings nur das Erdgeschoss.“ Ludwig hatte seine Überraschung überwunden. Er ging zwei Schritte auf den Mann zu und fragte: „Gottfried? Bist du das?“