Brigitte Teufl-Heimhilcher

Autorin Heiterer Gesellschaftsromane

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Lesepr-Waldstettener G‘schichten Teil 1 – Tante Adelheids Schloss

Trübe Aussichten

„Tante Adelheid ist gestorben“, sagte Gloria und legte das Kuvert zur Seite. „Ich wusste gar nicht, dass sie noch am Leben war.“
„Wer ist Tante Adelheid?“, fragte Daniel, ohne von den Schulaufsätzen aufzusehen, die er eben korrigierte.
„Wenn ich mich richtig erinnere, war sie die ältere Schwester meiner Großmutter.“
„Dann muss sie ganz schön alt gewesen sein.“
Gloria warf einen Blick auf die Todesanzeige. „Kurz vor ihrem 98. Geburtstag friedlich entschlafen.“
„Mehr kann man sich nicht wünschen“, murmelte Daniel.
„Stimmt. Wenn ich da an Tante Emma denke, die ist kaum siebzig geworden.“
„Vielleicht hat Tante Adelheid nicht so viel geraucht“, kam es ungerührt von Daniel.
Das hatte ja kommen müssen. Spießer. Gloria hatte gute Lust, sich eine Zigarette anzuzünden, nur um ihn zu ärgern. Blöd, dass sie keine zu Hause hatte. Natürlich hatte Emma zu viel geraucht, zu viel gearbeitet und überhaupt zu wenig auf sich geachtet. Aber die Arbeit hatte ihr Spaß gemacht, sie war ihr Leben gewesen. Auch wenn es schon über ein Jahr her war, dass Emma tot vor ihrem Zeichentisch aufgefunden worden war, konnte Gloria es immer noch nicht verstehen. Emma hatte doch noch so viele Pläne gehabt.

Gloria schaute auf die vor ihr liegende Arbeit. Sie hatte nun keine Lust mehr, an ihren dämlichen Skulpturen weiterzuarbeiten. Diese Gebilde aus Glasscherben und sonstigem Müll gingen ihr mächtig auf die Nerven. Aber was sollte sie machen? Sie verkauften sich nun einmal gut, auch wenn sie ursprünglich nur einer Weinlaune entsprungen waren. Seit ihr 3-Jahres-Vertrag im Weltmuseum ausgelaufen war, hatte scheinbar niemand Bedarf an einer Absolventin der Kunstgeschichte, Schwerpunkt außereuropäische Kunst. Die doofen Skulpturen brachten zumindest ein wenig Geld. Sie konnte doch nicht schon wieder Onkel Konrad anpumpen, wo er ihr erst zu Weihnachten einen ordentlichen Batzen Geld überwiesen hatte, zusätzlich zu den Einkaufsgutscheinen zu ihrem Geburtstag.

Gloria sah auf die Uhr. „Was hältst du davon, wenn ich uns etwas koche?“

„Mach das, Schatz“, murmelte Daniel. Vermutlich hätte er die gleiche Antwort gegeben, wenn sie gesagt hätte: „Morgen besteige ich das Matterhorn.“ Seine Interessenlosigkeit ging ihr mindestens ebenso auf die Nerven wie die Skulpturen, doch beide gehörten zu ihrem Leben.
Lustlos ging sie in die Küche und durchsuchte Kühl- und Vorratsschrank. Sah nicht gut aus. Ohne einzukaufen, würde es mit dem Kochen nichts werden. Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Es hatte aufgehört zu regnen, also war ein Besuch des Grünmarkts vielleicht gar keine schlechte Idee.

Sie zog die schicke Strickjacke an und warf einen Blick in den Spiegel. Die rotbraunen Arabesken passten genau zum Ton ihres Haares. Das großflächige Muster konnte sich nicht jede leisten. Gloria schon, groß und schlank wie sie war. Tante Emma hatte wirklich einen ausgezeichneten Geschmack gehabt. Diese Jacke war das letzte Stück, das Emma für sie entworfen hatte. Gloria seufzte, wandte sich vom Spiegel ab und rief ins Wohnzimmer: „Ich geh kurz einkaufen“. Keine Antwort. Vermutlich hatte er genickt.
Während sie durch die Gassen schlenderte, beschloss sie, Onkel Konrad zum Abendessen einzuladen. Seit Emmas Tod war er oft allein – viel zu oft. Sollte Daniel daran Anstoß nehmen, was unwahrscheinlich war, konnte sie immer noch behaupten, er hätte ihren Vorschlag abgenickt.
Sie sandte eine kurze SMS an Onkel Konrad und ging beschwingt weiter. Auf dem Markt kaufte sie Spargel, junge Kartoffeln, Petersilie und Bananen, und weil Onkel Konrad sein Kommen in der Zwischenzeit zugesagt hatte, sollte es zum Spargel auch noch etwas Beinschinken geben. Sie war zwar neuerdings Vegetarierin, aber für ihren Lieblingsonkel machte sie schon mal eine Ausnahme.

Im Weitergehen überlegte sie einmal mehr, was ohne Emma und Konrad wohl aus ihr geworden wäre. Je älter sie wurde, desto öfter stellte sie sich diese Frage. Sie war fünf gewesen, als ihre Mutter an einer Überdosis gestorben war. Vater unbekannt. Ihre Großeltern hatten sie zu sich genommen, doch dann erkrankte ihre Großmutter an Krebs. Sie hatte wirklich Glück gehabt, dass Emma und Konrad sie bei sich aufgenommen hatten.
Daniel meinte ja, 80 Prozent der Persönlichkeit wären ohnehin durch Vererbung und Erfahrungen der Vorfahren geprägt, nur 20 Prozent würden über Umwelt und Erziehung beeinflusst. Gruseliger Gedanke. War er deswegen in seinem Beruf als Lehrer immer öfter unzufrieden, weil seine Arbeit so wenig bewirken konnte?